Auf dem Fernseher unserer Gastgeber, der auf einem kleinen Beistelltisch steht, flimmert der neue Walt-Disney-Film „Zootropolis“. Judy Hopps, die Heldin des Films, hüpft über den Bildschirm und deckt eine Verschwörung auf: In der Stadt Zootropolis leben die Tiere friedlich zusammen, doch auf einmal werden die Raubtiere wild und bedrohen ihre Mitbürger. Die Häsin Judy macht sich auf die Suche. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Fuchs Nick, findet sie heraus, dass es in Wirklichkeit eine kleine Gruppe von Schafen ist, die das Wildwerden der Raubtiere verantwortet. Am Ende ist alles gut, und die Bösen werden verhaftet. 

Auf dem Bildschirm laufen die Bilder von Panzern in Dauerschleife. Was bedeutet das? Wer war das? Was kommt jetzt?

Jetzt muss die fünfjährige Çağrı ins Bett, und wir schalten auf CNN Türk um: Auf einmal rollen Panzer durchs Bild: Sie fahren über die Bosporus-Brücke in Istanbul, sie stehen auf dem Taksim-Platz, vor dem Atatürk-Flughafen und vor dem türkischen Parlament in Ankara. Es ist der 15. Juli 2016 – Teile des türkischen Militärs versuchen anscheinend zu putschen. Wir sind in Amasra, einer Kleinstadt am Schwarzen Meer, und sitzen in einem Wohnzimmer, das so aussieht, wie viele Wohnzimmer hier in der Türkei eben aussehen: ein bisschen kitschig, ein bisschen plüschig und mit einer großen weißen Couchgarnitur. Auf dem Bildschirm laufen die Bilder von Panzern in Dauerschleife. Was bedeutet das? Wer war das? Was kommt jetzt? Sind das vielleicht sogar gute Nachrichten? Das sind die Fragen, die wir uns stellen.

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Türkische Männer kämpfen mit Soldaten um Militärputsch zu verhindern  (Foto: picture alliance / abaca)
Ein Soldat wird außer Gefecht gesetzt. Er soll mit einer Gruppe anderer Soldaten versucht haben, das Gebäude des staatlichen Rundfunks zu besetzen (Foto: picture alliance / abaca)

Die Großmutter nimmt einen Schluck aus ihrem Teeglas, Şenol wickelt eine Praline aus der Alufolie, sein Bruder schaut auf sein Smartphone. Was sie glauben, was das heißt? „Wahrscheinlich alles Fake“, sagt Şenols Bruder und wirkt dabei irgendwie desinteressiert. Auf dem Smartphone erscheinen Nachrichten von Freunden aus Deutschland: „Was passiert da? Geht es euch gut? Wo steckt ihr? Wird jetzt alles besser?“ – Wir wissen es selber auch nicht und stellen uns dieselben Fragen. Funktioniert Facebook? – Ja. Funktioniert Twitter? – Ja, hier schon. Bei den türkischen Medien haben wir auch nicht das Gefühl, die Neuigkeiten aus erster Hand zu erfahren, denn viel von dem was man im Fernsehen als Nachrichten präsentiert bekommt, ist eine sehr spezielle, regierungsfreundliche Interpretation der Geschehnisse und keine unabhängige Berichterstattung. „Morgen werden wir mehr wissen“, sagt uns Şenols Bruder. Wir denken das auch und lesen trotzdem weiter Liveticker. Das wenige, was wir wissen, haben uns unsere Gastgeber gesagt, wir haben es durch deutsche Medien erfahren oder durch Freunde. Auf Facebook schreiben sie aus Istanbul von Jagdbombern und Explosionen. In einem Post steht: „Wir wissen nicht, was passiert – wie immer, aber Menschen sterben – wie immer. Und morgen wird es schlimmer sein.“

Push-Nachricht mit Putsch-Nachricht

Lukas Makert, ein Kommilitone, der in Istanbul ein Praktikum macht, erzählt am Telefon, er habe auf der Dachterrasse am Galataturm gegrillt, als eine Push-Nachricht auf seinem Smartphone erschien: „Putschversuch in der Türkei“. Von seiner Terrasse aus hat man einen guten Rundblick über die Stadt, aber erst mal blieb alles ruhig. Als er einen aufgeregten Anruf von seiner türkischen Mitbewohnerin bekam, stieg die Anspannung. „Bei den Terroranschlägen der letzten Monate dachte ich immer, dass ich im Notfall innerhalb kurzer Zeit aus dem Land komme, aber das geht jetzt nicht: Die Grenzen sind dicht, und der Flughafen ist besetzt. Wenn die Kampfjets im Tiefflug über der Stadt die Schallmauer durchbrechen, bebt alles und ich weiß nicht, ob das eine Explosion ist.“

Wir trampen weiter auf einer Küstenstraße am Schwarzen Meer. „Was macht einen Militärputsch real?“, fragte nachts noch jemand auf Facebook. Das fragen wir uns auch. Wir fragen uns sogar, was das Land, das wir im Fernsehen sehen, mit dem zu tun hat, durch das wir gerade reisen. Die Nachrichten der gestrigen Nacht werden uns erst langsam bewusst, und uns wird klar: Wir haben keine Ahnung, was es bedeutet, so etwas mitzuerleben. Aber im Gegensatz zu unseren türkischen Freunden werden wir schon wieder zurück nach Deutschland können.

Die fast 300 Toten der vergangenen Nacht sind nun noch weniger vorstellbar

Der Sunny-Side-up-Typ, bei dem wir jetzt im Auto sitzen, erzählt, er interessiere sich generell nicht für Politik. Er mag weder die Regierung noch den Präsidenten und auch nicht die Armee. Er sei gerne draußen und organisiere Bergtouren. Er mache hier in dieser Gegend mit seiner Familie Urlaub, und der habe er gestern gesagt: „Für uns ist das gut, wir haben jetzt länger Ferien.“ Die fast 300 Toten der vergangenen Nacht sind nun noch weniger vorstellbar.

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Telefonstatement des türkische Präsident Erdogan im TV  (Foto: picture alliance / dpa)
Von einem geheimen Ort aus meldete sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan per Video-Anruf beim Sender CNN-Türk (Foto: picture alliance / dpa)

Unseren nächsten Lift bekommen wir von einer Deutschtürkin. Sie kommt aus Bremen, lebt jetzt aber lieber in der Türkei, denn „hier ist alles besser“. Sie erzählt von ihrer schlaflosen Nacht, von der Angst, die sie hatte, von dem Wasser, das sie auf Vorrat gekauft habe – und kommentiert den Putschversuch dann ganz auf Linie der Erdoğan-Regierung: „Das waren die Truppen von Fethullah Gülen, dem Prediger.“ Erdoğan habe zusammen mit dem Volk die Kontrolle wiedererlangt und die „Vaterlandsverräter“ verhaftet. Es sei jetzt alles wieder gut, es werde sogar noch besser, sagt sie.

Unsere Freunde aus Istanbul sehen das ganz anders. War es ein „self coup“, wie Esra es durch einen verlinkten Wikipedia-Artikel nahelegt, oder doch eher eine kleine kemalistische Gruppe von Offizieren, wie Teile der deutschen Presse berichten? Was uns in einem Moment noch plausibel erscheint, ist im nächsten Moment wieder unwahrscheinlich. Immer gibt es ein paar Teile, die nicht ins Puzzle passen.

Für die Erdoğan-Anhängerin aus Bremen ist es „ganz einfach“: Sie hatte schreckliche Angst gestern, aber dafür gibt es jetzt keinen Grund mehr. Die Bösen sind besiegt, wie in einem Disneyfilm. Und wer hat gewonnen? Zumindest Erdoğan, der es geschafft hat, sich auf einem Smartphone-Bildschirm für alle als Demokrat zu inszenieren, indem er „sein Volk“ aufruft, jetzt für die Demokratie auf die Straße zu gehen. Er ist wieder da – aus dringenden Gründen hat er seinen Urlaub frühzeitig beendet. Jetzt ist er noch stärker. Das ist ein wahr gewordener Albtraum oder ein Happy End, je nachdem, wen man fragt.

Putsche und Putschversuche in der Türkei

Seit der Staatsgründung am 29. Oktober 1923 hat die Türkei viele Umwälzungen erfahren. Der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk schaffte während der kemalistischen „Kulturrevolution“ unter anderem den Islam als Staatsreligion ab und übernahm europäische Gesetzgebungen mit dem Ziel, die Türkei nach westlichem Vorbild zu modernisieren. Die amtierende Regierung für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP ist politisch konservativ-islamisch orientiert. Die von ihr angestrebten Verfassungsänderungen bedeuten in der Praxis einen Bruch mit dem kemalistischen Laizismus, also der Trennung von Staat und Religion. In der Vergangenheit hat ein Abweichen von dieser Linie immer wieder zu Eingriffen des Militärs – dessen Eliten meist kemalistisch orientiert waren – in die Politik und zu Putschen geführt.  

27. Mai 1960: Nach der Zypernkrise und einer dramatischen Verschlechterung der Wirtschaftslage in den 1950er-Jahren putschten Obristen der türkischen Armee gegen die Regierung und bildeten eine Militärregierung. Der damalige Ministerpräsident Adnan Menderes und zwei seiner Minister wurden im Zuge der im Anschluss an den Putsch stattfindenden Yassıada-Prozesse hingerichtet. Mit ihm standen knapp 600 ehemalige Regierungsmitglieder, Abgeordnete und Beamte vor Gericht, über 400 von ihnen wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt,

9. Juli 1961: Mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung wurde die „zweite Republik“ ausgerufen. Durch ein neues Wahlgesetz und neue Institutionen (unter anderem das Verfassungsgericht) wurde einerseits die liberale Demokratie gestärkt, andererseits institutionalisierte die Militärregierung mit dem „Nationalen Sicherheitsrat“ als Verfassungsorgan die Streitkräfte.

12. März 1971: Aufgrund der zunehmenden Handlungsunfähigkeit der politischen Führung des Landes und wachsender Unruhen erzwang die Militärführung mit einem Memorandum die Absetzung der Regierung und setzte eine überparteiliche Staatsführung von „Experten“ ein. In den folgenden Jahren wechselten die Koalitionsregierungen unter der Führung der kemalistischen Partei CHP häufig. Ohne die islamistische Nationale Heilspartei (MSP) oder die rechtsnationale MHP konnte aufgrund der politischen Polarisierung nicht regiert werden. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem rechten und linken politischen Lager nahmen zu und forderten zahlreiche Todesopfer. Ende der 1970er-Jahre herrschten in der Türkei bürgerkriegsähnliche Zustände.

Am 12. September 1980 putschten die Militärs mit dem selbst proklamierten Anspruch, die politische Ordnung im Land wiederherzustellen; alle politischen Parteien und die mit ihnen verbundenen Gewerkschaften wurden aufgelöst. Es folgten Verhaftungen von Politikern, Intellektuellen und Journalisten. 1982 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die von dem Gedanken geprägt war, das Land vor dem negativen Einfluss demokratischer Freiheiten zu schützen. Die heutige Türkei ist eine parlamentarische Republik und basiert rechtlich auf dieser dritten Verfassung von 1982. Seitdem gab es zahlreiche Verfassungsänderungen. Der aktuelle Ministerpräsident Binali Yıldırım hat die von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan beworbene Einführung eines Präsidialsystems zu einer Priorität erklärt.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung: Zeittafel Republik Türkei

Titelbild: picture alliance / dpa