Flüchten ist riskant. Die Flucht selbst, aber auch der Neustart an einem ganz anderen Ort. Wer diese Unsicherheiten auf sich genommen hat, kann eigentlich auch gleich noch das nächste, vergleichsweise kleine Risiko eingehen und am Zielort ein Unternehmen gründen. So sieht das jedenfalls die Organisation SINGA Deutschland und erkennt darin sowohl für Geflüchtete als auch für die deutsche Gesellschaft eine Chance. Zusammen mit dem „Project Re:start“ hat sie den Inkubator „Ideas in Motion“ gegründet: Geflüchtete werden von Experten angeleitet, um ihre Gründungsideen in Start-ups zu verwandeln. Luisa Seiler und ihr Team betreuen das Projekt in Berlin. Sie ist Geschäftsführerin und Mitgründerin von SINGA Deutschland. „Wir glauben, dass viel zu wenige Räume für Begegnungen geschaffen werden, obwohl dabei spannende Erfahrungen entstehen können. Leider bleiben die Kompetenzen vieler Neuangekommener dadurch oft unentdeckt.“ Luisa sagt bewusst „Neuangekommene“: „Wir versuchen hier den Status ganz rauszulassen, weil das oft künstliche Barrieren schafft. Deshalb versuchen wir Begriffe wie ‚Flüchtling‘ oder ‚Geflüchteter‘ zu vermeiden.“

„Fördergelder und Kredite sind schwer zu bekommen, wenn man vielleicht in naher Zukunft wieder ausgewiesen wird“

Beim Start in Deutschland ist es für viele Geflüchtete – wir bleiben bei diesem eindeutigen Begriff – schwer, dass sie wirtschaftlich erst mal nicht auf eigenen Beinen stehen können. Dass das nicht lange so bleiben muss, wird bei „Ideas in Motion“ deutlich. Viele der Neuankömmlinge bringen schon eine breite Expertise in ihrem Geschäftsfeld mit. Sie möchten genau wie in ihren Herkunftsländern auch weiterhin die Berufe ausüben, die sie erlernt haben, und gründen daher meistens nicht in für sie fremden Branchen. Das erleichtere die Arbeit bei der Unternehmensgründung immens, betont Luisa. 

 

Sieben Jungunternehmer mit verschiedensten beruflichen Hintergründen werden zurzeit durch „Ideas in Motion“ gefördert: darunter ein Professor aus Damaskus, der eine Online-Learning-Plattform auf Arabisch entwickelt, oder auch ein Start-up, das den Wiederaufbau syrischer Städte durch private Finanzierung vorantreiben will.  

Ein Syrer entwickelt eine Online-Learning-Plattform auf Arabisch ...

Das Programm, das jeder Aspirant durchläuft, dauert insgesamt fünf Monate, gestartet wurde es im März. Alle Gründer werden bei „Ideas in Motion“ in insgesamt drei Phasen gecoacht. In der ersten Phase entwickeln die Gründer zunächst eine konkrete Konzeptidee für ihr Geschäftsmodell. Darauf folgt die Umsetzungsphase: Hier geht es um Vertrieb, Marketing, Ressourcen. All das wird den Teilnehmern, meist auf Englisch, von Experten aus diesen Bereichen beigebracht. Der Expertenpool arbeitet größtenteils ehrenamtlich und stellt für die Unternehmer in spe einen Plan mit verschiedenen Kursen zusammen. In der dritten Phase, der eigentlichen Geschäftsphase, geht es dann ums Ganze: einen Kundenpool aufzubauen und Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. „Wir sind vergleichsweise sehr erfolgreich mit dem Projekt“, sagt Luisa. Von den „Ideas in Motion“-UnternehmerInnen haben bereits vier ihr Unternehmen gegründet – mithilfe von privaten Geldern, Unterstützung von öffentlichen Stellen oder geförderten Krediten –, die anderen drei befinden sich im Prozess der Gründung. 

Geflüchtete Unternehmer

Kussay
Kussay trägt ein embroidered T-Shirt mit Applikationen aus seiner eigenen Kollektion, Preis auf Anfrage. Hoodie: privat. Neue Heimat: Deutschland

Einer, der bereits gegründet hat, ist Kussay Chi Chakly, geboren in Syrien. Der Modeschöpfer hatte lange Jahre in Dubai und im Libanon Haute Couture kreiert – hauptsächlich luxuriöse Braut- und Abendmode –, bevor er nach Berlin kam. Jetzt designt er vor allem T-Shirts, handgemacht, inspiriert von seiner neuen Heimat Berlin, und vertreibt diese in seinem Online-Shop. In Deutschland musste sich Kussay ein neues Standbein aufbauen, was ihm zuerst schwerfiel. „Vorher hatte ich noch kein eigenes Unternehmen, sondern habe immer für große Marken gearbeitet. Aber in Berlin konnte ich keine Jobs finden.“ Da half es ihm sehr, dass er auf SINGA und das Projekt zur Unternehmensgründung aufmerksam wurde. Trotzdem war die Bürokratie in Deutschland noch eine Herausforderung für ihn. „Es war so hart, erst einmal zu verstehen, wie man so etwas beginnt, und dann auch noch der ganze Papierkram“, erinnert sich Kussay. Aber letztendlich habe er doch sehr viel Hilfe erhalten – von Ämtern und von SINGA. Das habe ihn wirklich berührt. 

... ein anderes Start-up will den Wiederaufbau syrischer Städte unterstützen

Für viele Gründer ist die Startfinanzierung das erste und größte Problem. Luisa weiß, wie viel härter es ist, Gelder aufzutreiben, wenn die Bewerber nicht mal eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten. Manche der Geflüchteten verfügen über eigenes Startkapital zur Gründung, andere müssen um die Umsetzung ihrer Ideen bangen. „Fördergelder und Kredite sind schwer zu bekommen, wenn man vielleicht in naher Zukunft wieder ausgewiesen wird“, sagt Luisa. „Da kommt SINGA dann ins Spiel, um Lösungen für diese strukturellen Barrieren zu finden.“  

„Aber wenigstens sitze ich nicht nur tatenlos rum, sondern kann produktiv sein“

Ist Kussay stolz auf das, was er bisher mit seinem Unternehmen geleistet hat? „Nun“, sagt er, „wirklich stolz auf mich werde ich erst sein, wenn ich finanziell wieder komplett unabhängig bin. Ich fühle mich unwohl dabei, so viel Hilfe anzunehmen, aber wenigstens sitze ich nicht nur tatenlos rum, sondern kann produktiv sein. Das macht mich sehr glücklich.“ 

 

Den jungen Gründern hilft es insbesondere, in die hiesigen Netzwerkstrukturen eingeführt zu werden. Bei verschiedenen Veranstaltungen werden sie mit lokalen Unternehmern zusammengebracht. Auf diese Weise sollen ihnen Zugänge erleichtert und Kenntnisse über den hiesigen Markt vermittelt werden. 

Luisa ist zufrieden mit den Fortschritten der aktuellen Gruppe: „Wenn man erst einmal merkt, dass das Produkt auf dem Markt tragfähig ist, es möglicherweise erste Kunden anlockt, dann hat man eine ganz neue Motivation weiterzumachen.“ Weitermachen will sie auch mit „Ideas in Motion“: Am 19. Juli war die Abschlussveranstaltung, bei der alle Gründer ihren Unternehmensstand präsentierten. Ende des Jahres geht SINGA mit seinem Programm dann in die zweite Runde. Bis dahin wird noch viel passieren, unter anderem Netzwerkarbeit: Luisa freut es besonders, dass die TeilnehmerInnen zum Ende des Programms ein Alumni-Netzwerk gegründet haben, um sich mit anderen neu angekommenen Unternehmern zu vernetzen.

Fotos: SINGA