Nach einem Bericht im russischen Fernsehen über die angebliche Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa aus Berlin-Marzahn durch Flüchtlinge sind in Deutschland viele Russlanddeutsche und Russen auf die Straße gegangen. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zwar mitgeteilt, dass aus ihrer Sicht Lisa in der fragwürdigen Nacht weder entführt noch vergewaltigt wurde. Doch viele Demonstranten glaubten weder den deutschen Behörden noch den hiesigen Medien. Ihr Zorn richtete sich pauschal auf vermeintlich gewalttätige Flüchtlinge. Edgar Born, Aussiedlerbeauftragter und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Villigst in Schwerte, beobachtet mit Sorge die politischen Einstellungen einiger Russlanddeutscher. Als Pfarrer war er mehrmals in der Sowjetunion und den Nachfolgerepubliken und spricht im Zusammenhang mit den russlanddeutschen Gemeindemitgliedern gerne von „meinen Leuten“.

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Bitte nicht vorschnell urteilen: Nicht jeder Russlanddeutsche ist Putin-Fan. (Foto: Ira Thiessen)
Bitte nicht vorschnell urteilen: Nicht jeder Russlanddeutsche ist Putin-Fan. (Foto: Ira Thiessen)

fluter.de: Herr Born, haben Sie die Reaktionen auf den Fall Lisa überrascht?

Edgar Born: Nein. Seit dem Ausbruch des Konfliktes in der Ukraine beziehen viele Russlanddeutsche ihre Informationen ausschließlich aus dem russischen Fernsehen. In der Sowjetunion hat man noch gescherzt: „In der ‚Prawda‘ steht alles andere als Prawda.“ (Anmerkung der Redaktion: einst sowjetische, nun russische Tageszeitung; der Titel heißt übersetzt: „Wahrheit“.) Nach ihrer Aussiedlung hat sich das nun in bestimmten Gruppen verändert. Diese Annahme wird auf die westlichen Medien übertragen, die angeblich die Wahrheit vertuschen wollen.

Es gibt jedoch Studien, die zeigen, dass die Mediennutzung bei weitem nicht so einseitig ist.

Das widerspricht unseren Beobachtungen nicht. Die Russlanddeutschen sind eine sehr heterogene Gruppe. Es ist nicht einfach eine dumpfe Masse von Menschen, die vom Kreml aus gelenkt wird. Wir haben es mit sehr vielen unterschiedlichen Milieus und Bildungsstandards zu tun. Die Leute, die sich auf beiden Seiten informieren, die gehen nicht zu solchen Demonstrationen, sondern sind eher erschrocken darüber. Es gibt aber auch jede Menge Menschen, vor allem in bildungsfernen Schichten, die es nicht gewöhnt sind, zu differenzieren und Informationen zu verifizieren.

Aber warum glauben sie dann eher den russischen Medien?

Die Gründe dafür müssen wir noch genauer analysieren. Es hängt sicher mit der Sprache zusammen. Für die russischen Muttersprachler ist es natürlich viel einfacher, die russischen Medien zu verstehen. Diese arbeiten zudem mit sehr anschaulichen Mitteln und erzeugen vereinfachte Bilder, die als Realität angenommen werden. 

Warum kommt die Wut ausgerechnet jetzt zum Vorschein?

Hier hat man auf einmal einen Namen eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens. An diesem konkreten Schicksal kristallisieren sich Emotionen heraus. Auch wenn der Fall sich gar nicht so abgespielt hat, wie es in russischen Medien dargestellt worden ist, wird daran doch ein lange gehegtes Unbehagen festgemacht. Dabei geht es um ihren Platz in der deutschen Gesellschaft, über den sich manche Russlanddeutsche nach wie vor im Ungewissen fühlen. Viele von ihnen denken, dass sie ungerecht in der deutschen Öffentlichkeit dargestellt worden sind. Sie nehmen es den deutschen Medien übel, dass sie über die kriminellen Jugendlichen aus der ehemaligen Sowjetunion berichteten und die besondere Zuwanderungsgeschichte der Russlanddeutschen und ihre Integrationsbemühungen außer Acht ließen. Nun haben sie einen konkreten Anlass, ihre Unzufriedenheit zu artikulieren. Die Berichte im russischen Fernsehen von der angeblichen Misshandlung eines Mädchens aus ihren eigenen Reihen durch Flüchtlinge stießen dann auf offene Ohren.

„Ihnen wurde suggeriert, dass in der Bundesrepublik alles auf diese Deutschtümelei hinausläuft.“

Nun versuchen rechtsextreme Gruppen und Parteien wie die NPD, die Verunsicherung für sich auszunutzen.

Das beobachte ich schon länger, dass sich diese Gruppen vor allem um Männer im mittleren und jüngeren Alter bemühen. Die Liebe zu ihrer Urheimat, zu einer besonderen Sorte des Deutschseins wird da angesprochen. Es ist fatal, dass das Aufnahmeverfahren auf Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes von 1953 gerade darauf abhob: nachzuweisen, dass man die deutsche Abstammung hat, sich lückenlos zum deutschen Volkstum bekannt hat, die deutsche Sprache, deutsche Kultur und deutsche Erziehung gepflegt hat. Begriffe, die allesamt übrigens aus dem Sprachgebrauch der Nazizeit stammen. Ihnen wurde suggeriert, dass in der Bundesrepublik alles auf diese Deutschtümelei hinausläuft. Nun finden die Aussiedler solche Begriffe am rechten politischen Rand wieder und denken, es wäre in Ordnung.

Heißt das, dass sie besonders empfänglich sind für rechtsextreme Ansprachen? Vertreter der russlanddeutschen Community betonen stets, dass es keinerlei Nähe der Menschen zu extremistischen Positionen gibt.

Das ist schwierig zu beantworten. Sie kommen nach Deutschland mit dem Gedanken, als Deutsche unter Deutschen zu leben. Sie wollten dazugehören, wurden aber von der aufnehmenden Gesellschaft oftmals nicht als ihresgleichen akzeptiert. Der Gedanke, nicht wirklich willkommen zu sein, hat sich verfestigt. Darüber lässt sich eine Parallele herstellen, denn die Rechtsextremen kokettieren damit, von der bürgerlichen Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden. Das nutzen sie nun, um Sympathien zu gewinnen. Was mich besonders erschreckt: Die fremdenfeindlichen Parolen, die sehr viele Russlanddeutsche nach ihrer Ankunft ertragen mussten, stimmen sie bei den Demonstrationen fast mit den gleichen Worten selbst gegen die Flüchtlinge an.

Woher kommen diese Vorurteile gegenüber den jetzigen Zuwanderern?

In der UdSSR hat es keine richtigen gesellschaftlich relevanten Integrationsmodelle gegeben. Minderheiten wurden eher ausgegrenzt. Das organisierte Miteinander der Völker und Kulturen wurde zwar von der Sowjetführung proklamiert, hat aber nicht wirklich stattgefunden. Eine positive Erfahrung von Fremdheit wurde nicht gelernt. Hinzu kommt ein Gefühl, dass sie sich nun im Kampf um den vorletzten Platz in der Gesellschaft befinden. Bei einigen, die sich als Verlierer der Aussiedlung begreifen, springt dieser Reflex ganz sicher an. Dabei wird das Fremde abstrakt aufgefasst als mögliche Gefahr. Positive Erfahrungen mit konkreten Menschen anderer Nationalitäten in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz oder beim Militär hat es drüben und auch hier natürlich gegeben. Das wird nicht mal als Widerspruch erlebt. 

Wie bewerten Sie die Integration der Spätaussiedler im Allgemeinen?

Was die berufliche und schulische Integration angeht, gibt es große Fortschritte. Das ist wirklich klasse. Die jungen Leute machen ihren Weg. Sie machen gute Abschlüsse, haben Erfolg im Beruf, als Sportler oder Künstler. Die russlanddeutsche Herkunft spielt dann kaum noch eine Rolle. Die Frage ist, ob wirklich alle in unserem politischen System angekommen sind. Da gibt es sicher Nachholbedarf. Viele verstehen das politische System nicht und auch nicht die damit verbundenen Werte.

Wie erleben Sie politische Diskussionen in der Community?

Ein bestimmter Teil ist für die politische Bildung nicht mehr erreichbar. Es ist oft so, als ob man mit Sektierern oder Fanatikern spricht: eine unerschütterliche Gläubigkeit, gegen die vernünftige Argumentation keine Chance hat. Man ist bereit, das Skurrile eher zu glauben als das Wahrscheinliche. Halbwissen zählt mehr als gründlich Nachgedachtes. Leider spüre ich auch oft die Neigung, sich vieler Klischees zu bedienen. Und alles persönlich zu nehmen, statt nüchtern und respektvoll andere Meinungen gelten zu lassen. Andere Meinungen werden als bedrohlich empfunden und gefährlich. Sie glauben ja nicht, wie viele mich schon zu bekehren versuchten für „ihre“ Wahrheit.

Das Interview führte Andreas Pankratz. Er ist selbst Russlanddeutscher und kam 1990 als Achtjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt und arbeitet er als freier Journalist in Köln.