fluter.de: Vor Kurzem hat ein 14-Jähriger jüdischen Glaubens in Berlin-Friedenau seine Schule verlassen, nachdem er von Mitschülern verbal und physisch attackiert wurde. An der Schule sind viele Schüler türkischer und arabischer Abstammung. Laut Experten wie dem Psychologen Ahmad Mansour nimmt der Antisemitismus unter jungen Muslimen zu.

Die Gesprächspartner und ihre Initiative „Salaam-Schalom“

Der jüdische Berliner Ármin Langer, 26, und der muslimische Ozan Keskinkılıç, 27, kämpfen gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie arbeiten beispielsweise mit Schülern, Studenten, Polizisten und Feuerwehrmännern, um Vorurteile abzubauen. Die beiden gehören „Salaam-Schalom“ an. Die Initiative gründete Ármin Langer mit jüdischen und muslimischen Freunden, kurz nachdem der Rabbi Daniel Alter von Jugendlichen zusammengeschlagen worden war und Neukölln daraufhin als „No-go-Area für Juden“ bezeichnet hatte. Die Initiative hat mittlerweile Ableger in ganz Deutschland und auch in Dänemark, Ungarn, Spanien und bald in der Schweiz.  

Ozan Keskinkılıç: Das Problem sind nicht die muslimischen Kinder. „Jude“ ist nicht erst ein Schimpfwort in Deutschland, seit arabische Jugendliche da sind. Antisemitismus musste nicht importiert werden. Oft wird er nicht erkannt und bagatellisiert – das ist gefährlich. In dem Leserbrief, den ein paar Eltern nach dem Vorfall an den „Tagesspiegel“ geschrieben haben, um den Ruf der Schule zu wahren, zeigte sich das eindrücklich. Da hieß es, es sei normal, dass der Israel-Palästina-Konflikt Auswirkungen auf das Zusammenleben in Berlin habe.

Ármin Langer: Der Junge stammt aus England! Viele machen keinen Unterschied zwischen Juden und Unterstützern der israelischen Siedlungspolitik. Bei Veranstaltungen fragt mich eigentlich immer irgendwer: Ihr Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat dies und das gesagt, was sagen Sie dazu? Da antworte ich: Ich habe keinen Ministerpräsidenten, sondern eine Bundeskanzlerin. Mehr nicht. Ich werde mit niemandem über israelische Politik diskutieren, das ist nicht mein Thema. Ich will, dass die Leute verstehen, dass sie unterscheiden müssen.

Ozan: Das Pendant für Muslime wäre: Warum unterstützt ihr alle Terroristen? Da schwingt immer mit, dass man etwas damit zu tun habe.

Warum kommt es trotzdem besonders oft zu Konflikten zwischen Muslimen und Juden?

Ozan: Die Frage ist komisch. Sie tut so, als hätten muslimische und jüdische Jugendliche mehr Konflikte untereinander als zum Beispiel Angehörige der Mehrheitsgesellschaft mit ihnen. Dabei zeigt der Vorfall an der Schule doch vor allem ein viel grundlegenderes Problem: Antisemitische und rassistische Vorurteile – wie die der Eltern an der Friedenauer Schule – gehen an Kindern nicht einfach vorbei. Das wird angelernt. Ich habe zum Beispiel Antisemitismus nicht in meinem muslimischen Elternhaus gelernt, sondern von meinen weißen deutschen Mitschülern. Rassistische Einstellungen gegenüber Muslimen verbreiten sich gerade ziemlich erfolgreich durch die ganze Gesellschaft hindurch, natürlich auch unter jüdischen Jugendlichen. Es gibt auf allen Seiten Nachholbedarf in Sachen Aufklärung.

Was hättet ihr in der Klasse des Jungen gemacht?

Ármin: Viele Vorurteile bringen wir schon allein durch unser Auftreten ins Wanken – zwei junge Erwachsene, einer Jude, der andere Muslim, eine gemeinsame Sache. Wir hätten dann über antisemitischen und antimuslimischen Rassismus gesprochen, über Ausgrenzung ganz allgemein, und darüber, wie wichtig es ist, dass Juden und Muslime in Deutschland eine Koalition gegen Rechtspopulismus bilden.

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Armin Langer und Ozan Keskinkilic
Treffen sich ein Bauarbeiter, ein Jude und ein Muslim – Ármin Langer (links am Tisch) und Ozan Keskinkılıç (rechts) von „Salaam-Schalom“ arbeiten in ihren Workshops auch mit Witzen, um auf Vorurteile aufmerksam zu machen

Eine Koalition zwischen Juden und Muslimen?

Ármin: Sowohl Juden als auch Muslime werden in Deutschland oft zu Fremden gemacht – wie auch Schwarze, Homosexuelle und alle anderen Minderheiten, die nicht als zugehörig zur deutschen Nation wahrgenommen werden, weil sie aus keiner christlichen oder weißen Familie kommen. Zusammen können wir einfach besser auf diese Andersmacherei reagieren. Leider versuchen viele, Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Nach dem Vorfall an der Berliner Schule behaupteten ausgerechnet AfDler, sie würden jüdische Mitbürger vor Muslimen beschützen! Und die jüdisch-muslimische Feindschaft wird in den Medien und von Politikern als etwas Natürliches dargestellt.

„‚Jude‘ ist nicht erst ein Schimpfwort in Deutschland, seit arabische Jugendliche da sind“

Was sind denn typische Diskriminierungserfahrungen?

Ozan: Wenn ich bei Veranstaltungen nach Diskriminierungserfahrungen frage, passiert es oft, dass die Menschen nicht wissen, was sie erzählen sollen. Wer von Antisemitismus oder Rassismus betroffen ist, neigt dazu, solche Erlebnisse zu verdrängen. Oder er hat Angst, darüber zu sprechen, weil er erlebt hat, dass die Erfahrung geleugnet wird und er noch mehr Diskriminierung erlebt.

Ármin: Rassismus erleben wir selber auch ständig.

Welche Stereotype begegnen euch am häufigsten?

Ármin: Auf einer Party habe ich mal einen Typen kennengelernt, mein Alter. Ich habe erzählt, dass ich jüdische Theologie studiere und jüdischer Herkunft bin. Die erste Rückfrage war, ob ich aus einer reichen Familie komme. Er meinte das nicht böse, mittlerweile ist er ein Freund von mir. Seine Frage zeigte einfach, wie tief antisemitische Vorurteile verankert sind. 

Ozan: In dem Dorf in Hessen, wo ich aufgewachsen bin, versteckten Mütter ihre Töchter vor mir. Und ich habe verstanden, dass ich Muslim bin, als meine Mitschüler mich nach dem 11. September nicht mehr Türke, sondern Muslim nannten. Heute denken viele: Dieser Muslim ist aber gebildet, der hat es in der Gesellschaft geschafft – der ist eine Ausnahme. Auch viele Muslime denken so. Ich werde nicht als natürlicher Teil der Gesellschaft angenommen. Diese Logik erlaubt den Leuten, ihre Denkmuster zu behalten, obwohl sie mich sehen. Sie müssen ihre Weltsicht nicht infrage stellen. Kürzlich sprach ich vor Lehrern über antimuslimischen Rassismus und Diskriminierungserfahrungen von Muslimen. Die erste Wortmeldung nach meinem Vortrag: Definieren Sie Respekt. Ich fragte zurück, worauf er hinauswolle. Der Mann antwortete, muslimische Schüler seien immer so respektlos.

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Armin Langer und Ozan Keskinkilic
Ozan und Ármin spazieren am Ufer des auch durch Berlin-Neukölln verlaufenden Landwehrkanals entlang. Der Stadtteil sei eine „No-go-Area für Juden“, sagte der Rabbi Daniel Alter, nachdem er von Jugendlichen zusammengeschlagen worden war

Wie reagierst du da?

Ozan: Bei solchen Kommentaren manifestiert sich das Weltbild, das überall gelehrt und auch medial verbreitet wird. Die Leute sind sich des Problems ja nicht bewusst. Ich versuche dann, mit dem Publikum nachzudenken. Ich frage: Woher kommt die Selbstverständlichkeit, mit der Sie so was sagen? Wieso sagen Sie, dass alle muslimischen Jugendlichen respektlos sind? Wieso würden Sie nie sagen, dass alle deutschen Schüler respektlos sind? Wieso ist Mohammed repräsentativ für eine Gruppe und Max nicht?

Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit euren Vorträgen etwas verändert?

Ármin: Gerade habe ich ein halbes Jahr eine Klasse in Neukölln begleitet, ich habe die Schüler zwei, drei Mal getroffen. Beim ersten Mal stellte mir ein palästinensischstämmiger Jugendlicher die immer wiederkehrende Frage: Warum befürwortest du die Besatzung meiner Heimat? Bei unserem letzten Gespräch habe ich mich mit dem Jungen darüber unterhalten, wo es die besten Falafel von Neukölln gibt. Er hat verstanden, dass er zwischen Menschen jüdischen Glaubens und Befürwortern der israelischen Siedlungspolitik unterscheiden muss.

„Leider versuchen viele, Minderheiten gegeneinander auszuspielen“

Wie hast du das erreicht?

Ármin: Irgendwann habe ich die Kinder aufgefordert, antisemitische Witze zu erzählen. Danach sollten sie antimuslimische Witze erzählen. Sie kannten keine. Ich bat sie, antimuslimische Witze zu erfinden. Danach haben wir über die Vorurteile gesprochen, die drin stecken. Wir hatten dabei Spaß. Ich glaube, das ist wichtig für den Lerneffekt. 

Ozan: Antisemitische Witze haben unter Juden eine lange Tradition, das Spiel mit rassistischen Begriffen ist Ermächtigungsstrategie und Widerstandspraxis. Ich selber zeige bei Workshops oft Videos von muslimischen Satirikern, die genauso mit Vorurteilen spielen. So kommen wir schnell zum Thema: Wie geht man mit Rassismus um? Es muss nicht immer ernst sein, aber wo ist die Grenze? Wenn ich allerdings Tätergruppen sensibilisieren will, lasse ich Witze und Satire außen vor.

Habt ihr das Gefühl, einsame Kämpfer zu sein? 

Ármin: Wir kriegen Anerkennung von Politikern, der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat uns öfter eingeladen, wir haben Preise gewonnen. Aber gleichzeitig stoßen wir ständig auf Widerstände. Doch es gibt keine Alternative. Wir müssen das machen. Auch wenn es anstrengend ist.

Fotos: Johannes Heinke