Papas plötzlicher Tod

Ein Essay im Online-Magazin „Vice“ brachte 2014 alles ins Rollen. In „A Stiff Upper Lip Is Killing British Men“ schreibt der 1992 in London geborene Journalist Jack Urwin über Risiken von Männlichkeit, über männlich-aggressives Verhalten und verdrängte Gefühle. Er lässt dort richtig Dampf ab. Schließlich hatte er selbst so einiges verdrängt, war lieber Klassenclown als Heulsuse.

Kurz vor Urwins zehntem Geburtstag kam sein Vater ums Leben. Er starb mit 51 an einem Herzinfarkt. Niemand aus der Familie hatte damit gerechnet. Bloß ’ne Grippe, sagte er, dann verschwand er im Bad. Urwin streichelte die Katze, die sich auf die Brust seines Vaters gesetzt hatte, als er ihn tot am Boden fand. Im Nachhinein wurde klar, dass sein Vater zuvor bereits einen leichten Herzinfarkt hatte. Er holte sich keine Hilfe. Er sprach – typisch Mann – mit niemandem darüber. Der junge Jack Urwin schwieg danach ebenfalls.

Jetzt nicht mehr. Der „Vice“-Essay schlug, nun ja, wie eine Bombe ein. Der schottische Kult-Schriftsteller Irvine Welsh bezeichnete ihn als „fantastisch“. Und Urwin machte sich, ermutigt von der britischen Feministin Laurie Penny, an seinen nächsten, seinen ersten richtig großen Essay. Urwin, der seit Erscheinen von „Boys don’t cry“ auf Lesetour ist, wollte ein Buch für Männer, genauer: für „jedermann“ schreiben. Das hat er getan, eine „trockene akademische Abhandlung“ ist es nämlich nicht. Es ist einfach, aber nicht zu einfach. Es will den stillschweigend vorausgesetzten Männlichkeitsidealen etwas entgegensetzen. Es stellt Fragen, reflektiert Probleme, sucht nach Antworten, will praktischer, persönlicher Ratgeber sein. Das Buch sagt „du“, sein Leitgedanke, für Feministinnen zweifellos ein uralter Hut, geht so: Für deinen Wert darf es keine Rolle spielen, welches biologische Geschlecht du hast.

Okay, es war zwar schon schlimmer ...

... aber toll ist es deshalb noch lange nicht. Urwin zitiert einen Satz, den der eine oder andere von seinem Opa kennen dürfte: „Früher war alles viel einfacher, da waren Männer Männer und Frauen Frauen.“ Das heißt auch: Sie durften nicht wählen und der Ehemann konnte sie straffrei vergewaltigen; in manchen Ländern ist das heute noch so. Sehr viel früher einmal mag es vielleicht Sinn gehabt haben, dass Männer von Natur aus aggressiver sind, wegen der wilden Tiere und so. Aber die Dinge haben sich gewandelt, schreibt Urwin. Wir sind keine Jäger und Sammler mehr: „Wenn Menschen männliche Aggression als unvermeidlichen Teil unserer Natur verteidigen, ist das für Männer schlicht eine Möglichkeit, sich der Verantwortung für ihr beschissenes Verhalten zu entziehen.“ Apropos „natürlich“: „Die Vorstellung, Homosexualität wäre unnatürlich, erwächst hauptsächlich aus dem Glauben, Sexualität existierte einzig als Mittel zur Reproduktion.“ Eine ziemlich verengte, schrecklich lustfeindliche Sicht auf Sexualität, findet Urwin. Und denkt: „Dass sich die Geschlechterrollen heute verändern, hätte ja auch Anlass dafür sein können, dass Männer ihre Rolle in der Gesellschaft überdenken und traditionell weibliche Aufgaben übernehmen, zum Beispiel auf Kinder aufzupassen. Leider gibt der Mann nur sehr ungern seine Privilegien auf. Anstatt die Veränderungen zu akzeptieren und zu sagen 'Wir Männer ändern uns jetzt auch', machen viele Männer Frauen für ihre fehlende maskuline Identität verantwortlich.“

Bitte nicht weinen?

Männliche Säuglinge tragen Babyblau, neugeborene Mädchen Rosa. Immer noch. Schlimm genug, derart früh auf ein soziales Geschlecht festgelegt zu werden. Schwerer wiegt indes dieser Satz: „Jungen weinen nicht.“ Urwin schreibt: „Wichtig ist, was beim Weinen passiert: Es löst Gefühle und dient als Ventil. ... Wenn man einem Jungen sagt, er solle einen Instinkt, der ihn nach dem ersten Atemzug überkommt unterdrücken, sagt man im Grunde, dass alle Formen emotionalen Ausdrucks tunlichst zu vermeiden sind, wenn er männlich rüberkommen will.“ Der Weg vom Vermeiden zum Verweigern von Hilfe ist kurz. Die Kernaussage des Buchs lautet daher: Wenn es schlecht läuft, sterben Männer an dem, was sie als Männlichkeit lernen. Männer sind häufiger Alkoholiker, begehen häufiger Selbstmord und sie sterben auch häufiger im Straßenverkehr, weil sie hier ein höheres Risiko eingehen als Frauen.

Schuld ist nicht nur das Testosteron

Die Sache mit den Autounfällen geht bereits in die Richtung, ist aber nicht das Ende der Fahnenstange. Männer gehen nicht nur höhere Risiken ein, sie sind in der Regel auch gewalttätiger als Frauen. Urwin stellt die These auf: Die Frauen steigen gesellschaftlich auf, die Männer fühlen sich als Verlierer, ihr Selbstbild als wichtigstes Wesen auf dem Planeten geht flöten. Sie werden immer unsicherer, was ihre Männlichkeit anbelangt. In der Folge kommt es, so Urwin, zu übertriebenen Verhaltensweisen und Handlungen. Sie sollen verloren geglaubte Männlichkeit wiederherstellen. Hooliganismus, Amokläufe und Rape Culture nennt er als Beispiele. Dass dieser Erklärungsansatz ein bisschen kurz greift, ist Urwin klar. Er nennt noch ein paar andere, vor aber allem schiebt er nicht alles auf das männliche Sexualhormon Testosteron. Er schreibt: „Männlichkeit muss nicht unbedingt negativ sein, aber sie wird toxisch, wenn Männer denken, sie müssten gewalttätig sein, um männlich zu sein. Darunter leidet die Gesellschaft“, insbesondere die Mitmenschen, Partner, Partnerinnen und Kinder.

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Der britische Autor Jack Urwin, der mit seinem Buch "Boys don't cry" für ein neues Männlichkeitsbild plädiert (Michael Barker)
Auch wenn seine Körpersprache abwehrend wirkt - Jack Urwin will reden - und zwar über ein Männerbild, das den Männern nicht gut tut (und den Frauen auch nicht). (Michael Barker)

Reden könnte helfen

„Noch mehr als deine Unfähigkeit, mir gegenüber deine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, warst du es so gewohnt, alles wegzudrücken, dass du den Kontakt mit der Realität deiner Gefühle verloren hast.“ Problematische Situationen leugnete Urwin, schwierige Themen musste seine frühere Freundin Megan allein durchackern. Nicht schön, nicht gesund, Reden hätte geholfen, hilft noch immer, meint Urwin, und hat unbedingt recht.

Sein Buch könnte ein Leitfaden sein für Gespräche über nicht zugelassene und verdrängte Gefühle, über destruktive Männlichkeitsvorstellungen, männliche Macht und (pornographische) Sexualität, über männliche Schönheitsideale, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Es ist ein Buch zur Zeit, denn Diskussionen über Männlichkeit sind en vogue. Auf dem Niveau feministischer (Frauen-)Forschung, die seit mehr als 50 Jahren betrieben wird, bewegen sich solche Diskussionen eher nicht. Auch Urwins Buch nicht. Das weiß er selbst, aber er weiß eben auch solche Sachen: „Wenn wir Männer nicht überflüssig werden wollen, müssen wir uns den Feminismus ansehen und fragen, was wir von Frauen lernen können. Frauen haben schon bewiesen, dass sie alles können, jetzt ist es an den Männern, zu beweisen, dass sie alles können, was Frauen können.“

Jack Urwin: „Boys don’t cry – Identität, Gefühl, Männlichkeit“. Edition Nautilus, Hamburg 2017, 232 Seiten, 16,90 Euro

Foto: Joseph Maida