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Break Dance

War der Britpop schuld am Brexit? War das Referendum Punk? Zum Abschied von Theresa May eine Playlist aus einem zerrissenen Land

  • Ein Zehntel einer Debatte im Unterhaus
GIF: Thiago Kohl

Achtung: Wenn du die Playlist abspielst, kann Spotify dich tracken

Lord Kitchener: „London is the place for me“ (1951)

Eine Brexit-Playlist? Da muss man im Grunde in den 1950ern anfangen, bei Londoner Jazz, bei Calypso, Ska und anderen von Einwanderern nach England importierten Musikrichtungen. Bis man dann zu Punk und Wave kommt, zur Zerstörung des traditionellen Englands und der Angst vor dem Fremden.

Okay, starten wir also mit Lord Kitchener, einem aus Trinidad stammenden Calypso-Musiker. Er kommt 1948 in England an, Big Ben begrüßt ihn gleich gongend, und der Lord hat für seine neue Heimat folgende Zeilen übrig: „To live in London you are really comfortable, because the English people are very much sociable. They take you here and they take you there and they make you feel like a millionaire.“

 

The Specials: „Ghost Town“ (1981)

Hoffnungsfroh, isn’t it? 30 Jahre später ist aus dem englischen Land die große Zuversicht gewichen. Margaret Thatcher regiert und der Neoliberalismus spaltet das Land. Arbeitslosigkeit und Gewalt in Innenstädten sind auch das Thema der Single des Jahres 1981. „Ghost Town“ der Specials malt das Bild einer Gesellschaft, die schwer gezeichnet ist von vielem, was später auch die Brexit-Jahre prägen sollte. Abgesehen von seiner politischen Note ist das ein sagenhaft schöner Song. Wie spooky der Chor, wie eigen die Harmonien, wie hypnotisch das kalt durch die Straßen pfeifende Ende! 

The Good, the Bad & the Queen: „The last man to leave“ (2018)

Und schon sind wir in den Neunzigern, als sich auch ein Mann wie Damon Albarn ganz gern auf das Spiel einließ, wer in England den Größten hatte: Damals war der Union Jack bei ihm ein durchaus gängiges Symbol und Nationalstolz kein vollkommen verbotenes Gefühl. Und auch im Rückblick wird die Frage nicht cooler, wer denn damals der beste Nachlassverwalter englischer Sixties-Musik war, Oasis oder Blur, die Prolls oder die Studenten? Aber ist deshalb der Britpop mitschuldig am Brexit? Weil damals der Weg bereitet wurde für diesen stumpfen Hurrapatriotismus und die neue Rechte? Diese These wird im Moment gern formuliert, ist aber auch arg bemüht. Albarn selbst schreibt das beste ganze Album über den Brexit. Es heißt „Merrie Land“ – drängender kann man das Blei der Entfremdung und der Spaltung kaum in Musik gießen. 

Afrikan Boy: „One day I went to Lidl“ (2007)

Wie die Wirklichkeit in England seit vielen Jahren in England abseits von sagenwirmal Fußballprofis, Finanzhaien, Großgrundbesitzern und anderen Radfahrern des Systems aussieht, zeigt aufs Erhellendste dieser Song. Oh, der ist auch schon wieder elf Jahre alt, bizarr! Für viele Nachkommen der von Staat und Gesellschaft abgehängten Menschen gibt es auch im spätkapitalistischen England nur zwei berufliche Wege: Entweder man klaut bei Lidl – und wird irgendwann erwischt. Um dann bei Aldi das Spiel nochmal zu beginnen. Undsoweiterundsofort. Oder man arbeitet bei einem Sicherheitsdienst von Lidl (outgesourcet natürlich) und ist einer derjenigen, die täglich ein solches armes Schwein erwischen. Im Endeffekt sind das natürlich beides Sackgassen, denn glaub mal ja nicht, dass diese grotesk unterbezahlten Jobs auch nur irgendeinen anderen Sinn haben, als die Gesellschaft sich gegeneinander ausspielen zu lassen. Systemisch gesehen. 

Sleaford Mods: „Britain thirst“ (2017)

Das Schöne an den Sleaford Mods ist, dass sie natürlich in jede Playlist passen, in der Widerstand, Konsequenz, Härte und die reale Realität ein Thema sind. Man fragt natürlich sie, wenn man ein knackendes Statement über Theresa May („Peinlich”), Noel Gallagher („Hat Blut an seinen Händen”) oder die Idels („Denen glaub ich nichts mehr”) haben will. In ihren Songs ist letztlich alles, was sie zu sagen haben, ein Kommentar über die Situation in England, weil die Mods eines erkannt haben: Vaterlandsliebe und öffentlicher Patriotismus ist immer eine Methode, denen eine Aufwertung zu verpassen, die gar nichts haben. Um sie dann umso empfänglicher zu machen für eine – jetzt mal nur so als Beispiel – Brexit-Kampagne. 

Farai: „This is England“ (2018)

Inzwischen sind wir beim Aufstieg von Grime und dieser ganzen Inner-City-Terror-Musik, also im Heute, gelandet. Du guckst auf eine gründlich zerrissene Gesellschaft, in der Klassenkampf von oben normal ist. Wie weit man den „Wettbewerb“ treiben kann, sieht man jetzt. Eine sprachlos machende Bestandsaufnahme kommt von Farai Bukowski-Bouquet (sic!): „Theresa May, wissen Sie wie es ist, wenn man die Tage und Stunden runterzählt, bis endlich der Scheck kommt? Das ist England! Wo wird das enden? Wer hat Schuld an all dem Scheiß?“ Musik braucht nicht viel, um apokalyptisch zu klingen. Der kalte Wind der Specials hat sich zu einem ätzenden Electroschwellen entwickelt.

T.Roadz: „T 2 Da Roadz“ (2019)

Ebendiese Hoffnungs- und Trostlosigkeit ist auch Thema von Sibylle Bergs neuem erstaunlichen Buch „GRM Brainf*ck“, einer Schriftstellerin, der es noch nie lag, irgendwo versöhnenden Kitt zu verteilen. Bei ihren Lesungen ließ sie sich von einem Vorstadtkid aus Birmingham namens Tyreece begleiten oder – besser – ihre Horrorvision eines komplett ausgehöhlten Sozialsystems spiegeln. Tyreece nennt sich als Rapper T.ROADZ und ist gerade mal 14 Jahre alt. Wenn man sieht, was er zwischen seiner ersten und zweiten Single alles an Wucht gewonnen hat, weiß man, dass tatsächlich Grime die Musik ist, die den Brexit am besten illustriert. Wirklich irre, diese Mischung aus Rotz, Hass, Frühreife und Power. Noch irrer als die Idee, aus der EU auszusteigen. 

Slowthai: „Nothing great about Britain“ (2019)

Lassen wir am besten den momentan besten Rapper Englands dieses Panoptikum eines Landes zwischen Angst, Entfremdung und Paranoia beschließen. Slowthai wuchs in der Industriestadt Northampton auf und sieht auch genauso aus. Seine Musik ist die passende „Shit Show“, er verkörpert ansonsten all die Widersprüche in sich, die auf der Insel gerade alle gleichermaßen entzweien und verbinden. Sein gerapptes „I swear I’m proud to be British“ kommentiert er: „Es ist auch schon ironisch gemeint. Aber es ist beides: Ich bin stolz und auch wieder nicht. Ich bin froh und traurig. Und ich bin besorgt, wie der Brexit sich auf die jüngere Generation auswirken wird. Es fühlt sich so an, als würden wir zehn Schritte rückwärtsgehen. Die meisten, die ,Leave‘ gewählt haben, gehören der älteren Generation an und werden die Konsequenzen wahrscheinlich gar nicht mehr mitbekommen.“ 

Und jetzt noch ein Altmeister im Bonus Track – Mick Jagger: „England lost“ (2017)

Moment – ganz vergessen: Wie sieht’s eigentlich oben im Pop-Olymp bei den Musikpromis aus? Wer ist Brexiteer, wer nicht? Es ist tatsächlich so, wie man dachte. Einige (wie Bob Geldof, Queen-Drummer Roger Taylor, Ed Sheeran oder Rita Ora) unterschrieben eine Initiative dagegen – der Grund scheint aber eher ein kleinmütiger: Der Brexit sei „fatal für die Musikindustrie“ und die „vielen noch unentdeckten Genies, die auf dieser kleinen Insel leben“. Nun ja. Die meisten abseits des Mainstreams sind natürlich ebenfalls dagegen, eventuell auch nur deshalb, weil das Touren dann schwierig und teuer wird. Normal bizarr äußerte sich John Lydon alias Johnny Rotten von den Sex Pistols, der nach dem Referendum jubelte: „Die britische Arbeiterklasse hat gesprochen.“ Und natürlich Morrissey, der es eventuell nicht so gemeint haben will, als er den Brexit als einen „Sieg für die Demokratie“ verkaufte. Die ganze Hilflosigkeit an besten ausgedrückt hat überraschenderweise Mick Jagger. Einerseits, andererseits. England verloren, Heimat trotzdem wichtig. Raus aus den Kartoffeln, rein in die Stube. Immer diese Widersprüche.

GIF: Thiago Kohl

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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