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Gitarrenheldin bei der Arbeit

Elendstourismus oder Aufklärung? Die Doku „A Dog Called Money“ zeigt, wie PJ Harvey bei ihren kontroversen musikalischen Reportagen vorgeht

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Film "A Dog Called Money" (Foto: Seamus Murphy)

Aus aktuellem Anlass zwei Meldungen aus der Musikwirtschaft: Einerseits beklagen Gitarrenhersteller katastrophale Verkaufszahlen. Herstellern wie Gibson oder Fender bricht dramatisch der Umsatz weg. Wenn man schaut, welche Bands aktuell die kommerziell erfolgreichsten sind, dann gehören die Eagels (gegründet 1971) schon zu den Jüngeren. Die Rockmusik und ihre breitbeinigen Gitarrenhelden scheinen ein ernsthaftes Nachwuchsproblem zu haben.

In diesem Zusammenhang ist die zweite Meldung interessant: Jede zweite Gitarre, die Fender heute in Großbritannien und den USA verkauft, also die Firma, die den Tele- und den Stratocaster und damit quasi die Rockmusik erfunden hat, geht an eine Frau. Und das kann man längst auch hören: Wenn etwas Relevantes, irgendwie Lebendiges und Umstürzlerisches im Rock passierte, dann waren da meist junge Frauen beteiligt. Sei es die Band Wolf Alice, die den Mercury Prize gewann, oder St. Vincent, deren Sängerin und Gitarristin Anna Calvi das urmännliche Ritual des Gitarrensolos feministisch umdeutet. 

Auch PJ Harvey kann bekanntlich ziemlich breitbeinig Gitarre spielen: 

Und sie tut das schon seit gut 25 Jahren. Sie kann also locker als Vorbild für die heutige Generation durchgehen. Und so viele Vorbilder gibt es da ja auch nicht. War ja meist Männersache, das Gitarrespielen.

Dass die Engländerin auch für die gegenwärtige Repolitisierung der Popmusik ein Rolemodel ist, das zeigt „A Dog Called Money“, der Film von Seamus Murphy über die Arbeit an ihrem letzten, kontroversen und ungemein politischen Album „The Hope Six Demolition Project“.  

Metaphernsafari im Kosovo

 

An dem war Murphy, eigentlich als Fotograf in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs, ohnehin maßgeblich beteiligt. Er reiste mit PJ Harvey nach Afghanistan, in den Kosovo und nach Washington DC. Das Spannende an seinem Film ist, dass er transparent macht, wie sie arbeitet. Wie eine Reporterin nähert sie sich dort den Menschen. Sie macht Ortsbegehungen, trifft Musiker, stellt Fragen, hört zu. Mit Block und Stift schreibt sie die Szenen auf, visuell und konkret, die dann schon fast die fertigen Texte sind.  

 

Manchmal wird ein Kettenkarussell, das einsam in den Bergen im südlichen Kosovo vor sich hin rostet, zur Metapher. Einerseits für die vielen verschollenen Kinder des Balkankriegs – der Chor singt: „I heard it was 28.000“ – andererseits, da dreht sich dann das Rad der Geschichte weiter, für die neuen humanitären Krisen, die in der Region stattfinden. Im ebenfalls von Seamus Murphy gedrehten Video werden Bilder aus dem griechischen Ort Idomeni zwischengeschnitten, wo Tausende im Schlamm an der Grenze zu Mazedonien hausten in der Hoffnung, über die Balkanroute nach Mitteleuropa zu gelangen. Darunter auch zahllose Kinder. 

Ist das möglicherweise musikalischer Elendstourismus?

Ihr Album kam nicht überall gut an. In Washington beschwerte man sich, dass sie die armen Viertel der Stadt einseitig beschreibe, auch das Wort „Shithole“ für die lokale Schule empfanden manche ehrabschneidend. Hier und da wurde ihr musikalischer Elendstourismus vorgeworfen, weil sie das Leid anderer Menschen zwar schildere, dabei aber letztlich oberflächlich und impressionistisch bleibe. Es macht eben doch ein Unterschied, wenn man sich nach der Recherche wieder ins Flugzeug nach Hause setzen kann, um den Song fertig zu schreiben. 

Diese Vorwürfe kann „A Dog Called Money“ mindestens teilweise entkräften. Man sieht PJ Harvey, wie sie sich auf Augenhöhe den Menschen nähert, sich ihre Geschichten anhört, aus ihrer Komfortzone ausbricht, wenn sie im Winter durch Kabul streift. Das wirkt nicht von oben herab. Der Wunsch, die Orte zu verstehen, mit den Menschen in Kontakt zu treten, kommt ernsthaft rüber. Genau wie die Songs, die sie mit großer Dringlichkeit in die Welt trägt – und manchmal, wenn es passt, auch mit ordentlich Gitarrenfeedback verstärkt. (fx)

Jetzt wird gestreikt

Sozialkritische Filminhalte sind bei der Berlinale ja immer gern gesehen – zum Berlinale-Start materialisierte sich die soziale Frage sogar real aufs Festivalgelände. Am Freitag- und Samstagabend ertönte ein Trillerpfeifengewitter, und nein, das waren keine Autogrammjäger, die irgendwelche Stars auf sich aufmerksam machen wollen, sondern Demonstranten: Organisiert von der Gewerkschaft ver.di protestierten mehrere Dutzend Kinobeschäftigte, in gelben Westen und mit cineastischen Plakattexten („Löhne Mini, Cine Maxx“, „Großes Kino, kleiner Lohn“, „Big Screen statt Homescreen“).

Falscher Ansprechpartner?

 

Auf einem Flugblatt konkretisieren sie, was in ihren Augen falsch läuft: ver.di zufolge sind 90 Prozent der Eintrittskartenverkäufer, Popcornmacher, Platzanweiser usw. nur in Teilzeit beschäftigt, Neueinstellungen erfolgten nur befristet, gezahlt werde nur knapp überm Mindestlohn (der liegt aktuell bei 9,19 Euro/Stunde). Konkret weisen die Demonstranten auf die Cinemaxx-Gruppe hin, die, sofern die geplante Übernahme der Cinestar-Kinos klappt, bald Deutschlands größter Kinobetreiber wird – und sich aktuell in Tarifverhandlungen gegen Gehaltserhöhungen aussprechen. Deswegen gab es an diesem Wochenende in mehreren deutschen Cinemaxx-Kinos Warnstreiks.

 

Auch die Berlinale hat für den Festivalzeitraum ein Cinemaxx mit zehn Kinosälen gemietet. Auf dem Flugblatt behauptet ver.di, dass – im Wissen der Festivalleitung – Streikbrecher bereit stehen sollen, die im Falle von Warnstreiks dafür sorgen, dass die Berlinale sauber weiterläuft. Auf Nachfrage erklärt die Berlinale, dass sie „das Engagement der Mitarbeiter*innen des Cinemaxx und der Gewerkschaft selbstverständlich respektiert“ – aber ansonsten in diesem Konflikt „der falsche Ansprechpartner“ sei. Die im Service eingesetzten Beschäftigten während der Berlinale stelle im Übrigen ein externer Dienstleister, der deutlich über dem gesetzlichen Stundenlohn zahle.

Und damit schalten wir zurück aus der Realität in die fiktive Welt auf der Kinoleinwand. (mbr)

Kotztüten bereithalten

Zu den Filmen, die bei der Berlinale heiß erwartet wurden, zählt ohne Zweifel „Der Goldene Handschuh“ von Fatih Akin nach dem Roman von Heinz Strunk. Wer ihn sehen möchte, sollte sich im eigenen Interesse an diese Tipps von Michael Brake halten

Streikfoto: Michael Brake

Titelbild: Seamus Murphy

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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