Seit einigen Tagen geht Renata Trajano nicht mehr aus dem Haus. Sie hat Angst, von einer Kugel getötet zu werden. Sie steht auf dem Dach ihres kleinen Ziegelhauses und zeigt nach unten in die engen Gassen, wo man Polizisten mit Maschinengewehren im Anschlag sieht. In der Ferne hallen Schüsse.


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Angst war für Renata alltäglich, bis sie sich entschied zu kämpfen (Foto: André Vieira/Agentur Focus)
Angst war für Renata alltäglich, bis sie sich entschied zu kämpfen (Foto: André Vieira/Agentur Focus)

Renata ist 36 Jahre alt und lebt im Complexo do Alemão, einer der größten und gefährlichsten Favelas in Rio, wo die berüchtigte Verbrecherorganisation Comando Vermelho zu Hause ist. Wenn man vom Flug­hafen kommt, erblickt man auf der rechten Seite ein Hüttenmeer, das sich über etliche Hügel bis ins Hinterland ausbreitet, über einem Teil davon schwebt eine Gondel. 200.000 Menschen sollen hier leben, mindestens. Renata zeigt nach rechts auf einen Hügel. „Das ist das Territorium des Drogenkartells ADA. Und hier links kontrolliert das Comando Vermelho. In der Mitte befindet sich das Lager der Polizei. Seit einer Woche feuert jeder auf jeden.“ 

Ihr gesamtes Leben hat Renata in Favelas gewohnt, wo das Leben und der Tod so eng beieinander liegen wie die Hütten, in denen die Menschen hausen. Erst im April verblutete neben ihr der zehn Jahre alte Eduardo, ein Nachbarskind. Er trug nichts als eine Badehose, in seinem Kopf steckten drei Kugeln. Erstmals hat die Polizei eingeräumt, dass ein unbewaffnetes Opfer von einem Polizisten getötet wurde und Untersuchungen aufgenommen.

Sieben Jahre ist es her, dass die Stadt Rio de Janeiro beschloss, die Drogendealer aus den Favelas zu vertreiben. 2010 stürmten bis zu 2.600 Polizisten und Soldaten den Complexo do Alemão. Viele Dealer kamen ins Gefängnis, andere tauchten unter. In den Straßen patrouillieren seitdem die Polizisten einer Sondereinheit, die eigens zur Bekämpfung der Drogenbanden gebildet wurde. Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr verkündete die Stadt, die Favelas seien „befriedet“. Doch ist ein Viertel befriedet, wenn es von Polizisten besetzt ist?

Sie gehen dahin, wo sich kein Journalist hintraut

Renatas Mutter war früher Hausmädchen, ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Die Familie hatte keine Krankenversicherung, zur Schule gingen die Kinder nicht oft. Von ehemals acht Geschwistern leben nur noch fünf. Eine Schwester starb an einer Hirnblutung, ein Bruder ertrank am Strand von Ipanema, ein anderer Bruder wurde 1994 bei einer Razzia umgebracht. Angst war für Renata alltäglich, bis sie sich entschied zu kämpfen.

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Sie schreiben „Klartext“ – und hoffen auf ein Ende der Gewalt (Foto: André Vieira/Agentur Focus)
Sie schreiben „Klartext“ – und hoffen auf ein Ende der Gewalt (Foto: André Vieira/Agentur Focus)

Nun hat Witness Papo Reto nach New York eingeladen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wird Renata dann Rio verlassen. „Ich werde in New York ­andere Leute kennenlernen, die für Menschenrechte kämpfen“, sagt sie. „Das gibt mir Kraft zum Weitermachen. Es zeigt, dass es sich lohnt zu kämpfen.“ Denn eines Tages soll ihre Tochter angstfrei durch die Straßen des Complexo do Alemão gehen.Seit eineinhalb Jahren gehört sie Papo Reto („Klartext“) an, einem Kollektiv aus Bürgerjour­nalisten. Die etwa 100 Aktivisten fotografieren Tatorte, filmen Polizeieinsätze, schreiben darüber und veröffentlichen alles im Internet. Sie berichten von den Gefechten zwischen den Dealern, weil sich keine Journalisten mehr in die Favela trauen. Unterstützt wird Papo Reto von Witness, einer NGO, die 1992 unter anderen vom britischen Musiker Peter Gabriel gegründet wurde. Sie bezahlt Smartphones, Kameras, Computer.

Fotos: André Vieira/Agentur Focus