Wer die weltgrößte Autoausstellung sehen will, scherzen Schanghaier, der muss keine Messen besuchen. Es reicht, zur Rushhour auf die City-Highways zu fahren: Jeden Morgen und Abend reihen sich kilometerweit die neuesten Luxusmodelle aneinander, Stoßstange an Stoßstange. Alle hupen, nichts bewegt sich. Rushhour ist in Chinas größter Millionenmetropole übrigens ein dehnbarer Begriff: An Freitagnachmittagen verstopfen die Straßen bereits ab 15.30 Uhr und lichten sich erst wieder gegen 22 Uhr. In dieser Zeit kriechen Autos derart über den Asphalt, dass man mit dem Fahrrad schneller wäre. Fahrrad will in China nur keiner mehr fahren. Inzwischen gilt es als Fortbewegungsmittel der Armen.

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Weil es mit Chinas Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten ziemlich voran gegangen ist, herrscht auf den Straßen dort inzwischen oft nur noch Stillstand – selbst in Städten wie Xi'an, die hier kaum einer kennt (Foto: Getty Images)
Weil es mit Chinas Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten ziemlich voran gegangen ist, herrscht auf den Straßen dort inzwischen oft nur noch Stillstand – selbst in Städten wie Xi'an, die hier kaum einer kennt (Foto: Getty Images)

In anderen chinesischen Ballungszentren ist die Situation ähnlich: 15 der 50 am meisten verstopften Millionenmetropolen der Welt liegen laut einer Studie eines niederländischen Navigationsunternehmens in China. In Peking, der Stadt mit den landesweit schlimmsten Stauwerten, quälen sich die Bewohner an normalen Arbeitstagen oft drei bis vier Stunden durch den Verkehr. Die Menschen schlagen die Zeit tot mit Computerspielen oder DVDs, sie schminken sich oder brühen Instantnudeln auf. Jedes Jahr entsteht Chinas Hauptstadt durch Staus ein wirtschaftlicher Schaden von zehn Milliarden Euro. Arbeitszeit und Benzin werden verschwendet, die Luft verpestet. Weil der Verkehr sie zermürbt, verlassen zwei Drittel der Pekinger öfter nicht das Haus, ergab eine Umfrage. 84 Prozent sagen, dass der tägliche Straßenkampf ihrer Arbeit oder der Schulleistung schadet.

Selbst in kleineren Provinzorten bilden sich zu Stoßzeiten mittlerweile hupende Blechkolonnen. Verzweifelt versuchen die Stadtregierungen seit Jahren, dem Verkehrsinfarkt entgegenzuwirken: In Peking werden je nach Wochentag Autos mit geraden oder ungeraden Endziffern auf den Nummernschildern von der Straße verbannt. Schanghai vergibt nur noch eine begrenzte Anzahl an Neuzulassungen und versteigert diese zu Höchstpreisen. Ein Autokennzeichen kostet hier bis zu 13.000 Euro – so viel wie mancher Neuwagen.

Andernorts werden in Turbogeschwindigkeit neue Stadtautobahnen, Ringstraßen und U-Bahn-Netze gebaut: Wuhan im Süden etwa verlegt derzeit neun neue Metrolinien auf einen Schlag. 2011 führte die Zehn-Millionen-Stadt als erste chinesische Metropole eine elektronische Maut für den Citykern ein, wie sie in London und Singapur schon üblich ist. Bloß geholfen hat bislang nichts. Der Ausbau der Infrastruktur kommt mit dem Wachstum der Städte einfach nicht mit.

Es geht auch anders: Hongkong macht es vor

Schwer vorstellbar, wie Chinas Städte noch mehr Autos aushalten sollen: Noch besitzen lediglich 69 von 1.000 Chinesen überhaupt ein Auto (in Deutschland sind es 539 von 1.000). Zwar ist der chinesische Wirtschaftsboom zuletzt deutlich abgekühlt, für 2015 rechnen Experten dennoch damit, dass das Geschäft mit Neuwagen um vier Prozent zulegen wird. Ein Ende ist nicht in Sicht. Denn Jahr für Jahr strömen in China weitere Millionen Menschen auf der Suche nach Wohlstand aus dem Hinterland in die Großstädte. Sie geben alles, um sich ein besseres Leben zu erarbeiten. Sie alle träumen von modernen Wohnungen, guten Jobs – und vom eigenen Auto. Smog und Dauerstau sind die Folgen dieser rasanten Urbanisierung. 

Steigender Wohlstand muss aber nicht immer dazu führen, dass Autos zum obligatorischen Statussymbol werden. Das zeigt eine der reichsten chinesischen Städte: Hongkong. Wegen hoher Steuern ist das Autofahren in der ehemaligen britischen Kolonie nahezu unbezahlbar. Nur jeder Sechzehnte besitzt überhaupt einen Wagen. Das öffentliche Verkehrsnetz in Hongkong dagegen gilt als eines der besten weltweit. Große Teile der Stadt werden von U- und Straßenbahnen befahren, zudem gibt es Busse, Fähren und sogar Rollbänder für Fußgänger. Staus sind kaum ein Thema. Weil es mit der U-Bahn sowieso schneller geht.

Die Journalistin Xifan Yang hat ihre Kindheit im beschaulichen Freiburg im Breisgau verbracht. Wenn sie in Shanghai ist, versucht sie hauptsächlich Fahrrad zu fahren, um den Stau zu vermeiden. Eigentlich fahren dort nur noch arme Leute Fahrrad – oder Expats. Dass die gut verdienenden Ausländer aufs Autofahren verzichten, will den meisten Chinesen nicht in den Kopf gehen.