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Mehr als ein „hippes Dubai-Girl“

Haifa Beseisso aus Dubai hat es als eine der ersten arabischen Vloggerinnen auch zu internationaler Bekanntheit gebracht. Was sie in ihren Videos vorlebt, sollten mehr arabische Jugendliche tun, findet sie

  • Eine Instastory lang
Haifa Beseisso

fluter.de: Influencen, vloggen – wie nennst du das, was du machst?

Haifa Beseisso: Ich habe mich schon als Youtuberin, Instagrammerin und Facebookerin bezeichnet. Meine Karriere soll aber nicht von einer App oder technischen Trends abhängen. Deswegen bezeichne ich mich jetzt als „Content Creator“ – als jemand, der Inhalte schafft und teilt. 

„Ich solle nicht sagen, dass ich geborene Palästinenserin bin, und mich mehr als hippes Dubai-Girl präsentieren“

Wie kamst du darauf, „Content Creator“ zu werden?

Ursprünglich war ich beim Fernsehen und wollte dort Karriere machen, vor der Kamera sein und mit Leuten sprechen. Irgendwann aber hat man mir gesagt, dass ich mich, um Karriere zu machen, gehörig verändern müsse: kein Kopftuch mehr, anderen Akzent, nicht sagen, dass ich geborene Palästinenserin bin, und mich mehr als hippes Dubai-Girl präsentieren. Ich fand das nicht okay. Mir war klar, dass ich für mich einstehen muss. Also hab ich mir etwas gesucht, bei dem ich meine Interessen verfolgen und ich selbst sein kann. 

Du gehörst zu den ersten Vloggern Dubais, die auch international bekannt sind.

Ja, ich war eine der ersten reisenden arabischen Frauen mit einem Youtube-Kanal. Vor allem aber war ich eine der Ersten, die in ihren Videos ein Kopftuch trug – in Dubai gibt es ja keine Verschleierungspflicht. Das hat mir einiges an Aufmerksamkeit eingebracht. Viele Mädchen finden es spannend, wie selbstverständlich ich damit umgehe.

Was sagen deine Familie und dein Umfeld zu deiner Arbeit?

Die finden meine Beiträge großartig. Meine Geschichten sind sehr lebensnah und persönlich, ich glaube, deshalb bekomme ich fast nur gute Rückmeldungen. Besonders mein Onkel hat mich sehr unterstützt. Als ich meinen Uni-Abschluss in Digital Production und Storytelling gemacht habe, gab er mir eine Weltkarte und sagte: „Zeig mit dem Finger auf irgendeinen Ort, egal welchen. Wohin willst du?“ 

Ein großartiges Geschenk! Wohin ging es?

Ich hab mich für die USA entschieden, um meine Cousins zu besuchen. Dort war ich ein Exot und überrascht, wie viele Leute sich für meine Kultur interessieren! Das hat mich auf die Idee gebracht, meine Videos auch auf Englisch zu machen. Damit auch Menschen außerhalb der arabischsprachigen Welt Fragen stellen und Antworten aus erster Hand bekommen können.  

Besonders politisch wirst du in deinen Beiträgen dabei aber nicht – warum?

Ich spreche lieber über die Sachen, die wir selbst in der Hand haben. 

Aber du bist doch selbst ein Politikum?

Oh, das klingt schön. Ich mag es, wenn mich mein Publikum durch das versteht, was ich tue, und weniger durch das, was ich sage. Wenn ich irgendwelche einfachen, disruptiven Sachen mache, wie zum Beispiel von einer Mauer zu hüpfen – was sich für eine arabische Frau nicht gerade ziemt –, dann will ich damit natürlich immer auch stereotype Wahrnehmungen verändern.

Welche Rückmeldungen bekommst du von deinem Publikum?

„Wir brauchen mehr junge arabische Menschen, die zeigen, dass sie erfolgreich sind und etwas zu sagen haben“

Anfangs hatte ich keine Ahnung, was ich auslösen würde. Doch ich bekam so viele positive Nachrichten, gerade von arabischen Frauen, dass ich nun junge Menschen dazu ermutigen will, die Welt zu entdecken. Ich glaube, es ist sehr wichtig, das Selbstbewusstsein junger arabischer Menschen zu stärken. Wir leben in einer Zeit, die gegen uns gerichtet scheint. Unser Ruf ist so schlecht – wir sind viel besser, als alle denken! Wir brauchen mehr junge arabische Menschen, die zeigen, dass sie erfolgreich sind und dass sie etwas zu sagen haben. Wir müssen uns gegenseitig aufbauen, um eine wache arabische Generation zu schaffen.

Freie Meinungsäußerung ist im arabischsprachigen Raum oft ein kritisches Thema. Wurden deine Beiträge schon mal zensiert? 

Nein, das noch nicht. Um etwas online zu veröffentlichen, brauche ich niemandes Erlaubnis. Ich will ein Video über Palästina machen? Wer soll es mir verbieten? Tatsächlich habe ich auch schon ein paar Videos über Palästina gemacht. Falls ich jemals wieder nach Israel fahre, könnte ich deshalb an der Grenze Probleme bekommen. Aber wenn das passiert, mache ich eben auch davon Videos.

Haifa Beseisso (27) ist gebürtige Palästinenserin und lebt in Dubai. Ihr Travelblog „Fly with Haifa“ wird von über 470.000 Nutzern abonniert. Mehr über Haifa und andere arabische Blogger gibt’s bis 3.4. in der Arte-Dokumentation „Follow me. Arabische Videostars“ zu sehen

Titelbild: privat

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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