Ist das schon Feminismus, wenn die Popsängerin Beyoncé vor den Riesenlettern „FEMINIST“ auftritt oder ihre Nachwuchskollegin Meghan Trainor darüber singt, dass auch ein dickerer Hintern und eine üppigere Figur okay sind („All About That Bass“)? Warum legen Popstars, die für ihre Brüste, Pos, Make-up-Schichten und einen Hang zur Nacktheit bekannt sind, plötzlich Wert auf Feminismus? Darüber haben wir mit einer Expertin für Popfeminismus gesprochen, der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Sonja Eismann. Sie hat das „Missy Magazine“ mitgegründet und den Sammelband „Hot Topic: Popfeminismus heute“ herausgegeben.

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Manchmal muss man schon groß dazu schreiben, dass es sich hier jetzt um Feminismus handelt (Foto: Getty Images)
Manchmal muss man schon groß dazu schreiben, dass es sich hier jetzt um Feminismus handelt (Foto: Getty Images)

fluter.de: Die Popsängerin Miley Cyrus ist jung, erfolgreich und vielleicht mehr für Skandale als ihre Songs bekannt. Sie hält sich für eine der „größten Feministinnen der Welt“. Wie halten Sie’s mit ihr, wenn Sie ihr Video zu dem Song „Adore You“ sehen?

Mich überfällt dann eine große Müdigkeit. Nicht nur, weil sie sich da im Bett räkelt. Es ist einfach langweilig, weil nichts passiert. Ihre Selbstentblößung, die so in Selfie-Ästhetik von einer Videokamera eingefangen wird, soll zwar Nähe herstellen. Aber am Ende ist es narzisstisch oder besser: autistisch, weil es bloß der Selbstinszenierung dient. Es ist nicht mal provokativ.

Immerhin beißt sie ins Bettlaken, Badewasser tropft ihr aus dem Mund. Im Prinzip bereitet sie sich viereinhalb Minuten lang auf einen Orgasmus vor. Soll sich das an Männer richten?

Ich war auf vielen Diskussionsrunden, bei denen Männer zum Teil beleidigt davon waren, von so simplen Sachen angesprochen zu werden. Die sagen: Soll ich davon angemacht werden? Was wird mir denn da präsentiert, was für ein produkthaftes Wesen? Andererseits hätte ich nie gedacht, dass Feminismus mal kein „dirty word“ mehr ist. Dass das 2014 auf einmal anders wurde, darauf war ich nicht vorbereitet.

Das „Time Magazine“ hat 2014 zum Jahr des Popfeminismus erklärt und Miley Cyrus und Beyoncé unter die „100 einflussreichsten Menschen“ gezählt.

Das hat einen Schlag getan. Plötzlich wollten alle dabei sein. Die Schauspielerin Emma Watson hat für Feminismus geworben, und als bei den MTV Video Music Awards hinter Beyoncé groß das Wort „FEMINIST“ aufleuchtete – das war ein riesiges Zeichen. Vor allem für junge Mädchen, die vielleicht in der Provinz leben und klassische Rollenmodelle kennen.

Aber?

Aber ich frage mich: Was bedeutet das für den Feminismus, wenn man ihn in jede Richtung beamen kann? Steht der dann nur noch für: Ich mach mein Ding?

„Ich mach mein Ding“ klingt doch feministisch.

Und sehr ichbezogen. Und im Feminismus geht es um die Veränderung der Gesellschaft im Ganzen. Die Debatten toben ja seit langem: Wie das zusammengeht, wenn Frauen mit perfekt trainierten, halbnackten Körpern über die Bühne rollen, sich zum Objekt für den männlichen Blick machen – und dabei sagen: Ich mach das, weil ich das will.

Auf YouTube gibt es knapp 400.000 Parodien auf das berüchtigte Video zu „Wrecking Ball“, in dem Miley Cyrus nackt auf einer Abrissbirne sitzt.

Man arbeitet sich gern an dem ab, was alle kennen. Und jeder übertrieben sexy Inszenierung wohnt etwas Lächerliches inne. Miley Cyrus ist schon „over the top“, weil sich Popstars dauernd selbst überbieten müssen. In den Nullerjahren gab es den Kampf zwischen Britney Spears und Christina Aguilera – darum, wer noch weniger anhaben kann. Ich dachte, das sei nicht mehr steigerungsfähig. Dass immer noch mehr geht, das ist so eine Form von Exzess, die zur Parodie einlädt.

Hat Pop Regeln?

Es heißt oft, Pop sei eine Spielwiese. Frei von Regeln. Aber natürlich gibt’s die gleichen, manchmal verschärften Machtstrukturen. Mit Popfeminismus wollten wir untersuchen, wie das unsere Vorstellung von Geschlecht beeinflusst. Aber ich glaube, die Definition, die jetzt ausgerufen wird, ist eine andere.

Wie ist sie jetzt?

So, wie Popfeminismus von amerikanischen Medien verstanden wird: Wenn sich Beyoncé hinstellt und sagt: Ich bin Feministin. Eine Figur, die extrem viele Widersprüche produziert. Sie tritt als autonome Geschäftsfrau auf, die sagt: Das ist ungerecht, dass Frauen weniger Geld verdienen als Männer. Und nennt dann ihre Tour „The Mrs. Carter Show World Tour“. Sie inszeniert sich nicht mit der mühsam aufgebauten Marke Beyoncé, sondern mit dem Nachnamen ihres Ehemannes.

In Beyoncés Video zu „Pretty Hurts“ sieht man sie die Schmerzen aushalten, die sie ein Schönheitswettbewerb kostet – und dabei die Ideale weitertragen, die sie vorgibt zu bekämpfen: Beyoncé ist top gestylt, wenn sie erbricht.

Beyoncé spricht verschiedene Bedürfnisse an, verschiedene Formen von Publikum. Sie sagt: Seht her, ich leide so unter diesem Schönheitsdiktat. Sie singt: Die Leute sehen meine Seele nicht. „What’s in your head doesn’t matter.“ Und sieht dabei supertoll aus, noch viel toller als die magersüchtige Frau daneben, die sich in die Rippen kneift.

Eine Art Konfettiexplosion ist dagegen Meghan Trainors Video zu „Lips Are Movin’“. Trainor ist erst auf dem Weg zum Megastar – und besingt öfter ihre Rundungen. Warum wirkt das so überzuckert, fast bieder?

Ich dachte: Etwas ist anders. Und irgendwann: Ach, die Beine! Die sind sonst dünner. Ist wohl Hingucker genug: die selbstbewusste, ein bisschen lustige Frau, die als fülliger gilt und trotzdem kurzen Rock trägt.

Was soll das?

Es gibt in dem Video diesen Retrofaktor: den Doo-Wop-Style, einen Link in die Vergangenheit, wo es okay war, dass Frauen fülliger waren. Weiblicher. Ich denke, Figuren wie Adele oder Meghan Trainor, die sollen nicht perfekt sein, die will man „clean“ und lustig.

Sie sind Frauen, von denen gesagt wird, dass sie „ihre Körper mit Humor kompensieren“?

Ja. Die sollen keine aus dem Ruder gelaufene, bedrohliche Sexyness haben, wie zum Beispiel die Sängerin Beth Ditto sie hat, weil sie dick und irgendwie schlampig auftritt. Es gibt ja dieses Vorurteil gegenüber Dicken: Die haben sich nicht im Griff, keine Perspektive. Das sind Schlampen. Ich habe mal einen Artikel gelesen, in dem Beth Ditto als „Hartz-IV-Schlampe“ beschrieben wurde – von einer Frau. Das ist die Abscheu bürgerlicher Frauen, die sich selbst hart disziplinieren. Diese Wut, dass sich eine das traut: sich so gehen zu lassen. Und sexy zu sein. Das muss ja Unterschicht sein. Mangelnde Kontrolle.

Wann finden Sie eine Frau schön?

Schön. Da könnte ich jetzt Sachen sagen wie: Wenn sie sich wohl in ihrem Körper fühlt. Ausstrahlung hat. Aber ich bin realistisch genug, um zu meinen, dass alle Schönheitsidealen unterliegen – und es trotzdem persönliche Vorlieben gibt, die abseits davon funktionieren.

Und wann ist eine Frau Feministin?

Wenn sie für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern eintritt. Wobei es nicht sein kann, dass sich Frauen auf Kosten anderer emanzipieren. Angela Davis, die Bürgerrechtlerin aus den USA, hat mal gesagt, sie fühle sich eher mit einem schwarzen Mann aus der Arbeiterklasse solidarisch, der eine emanzipatorische Position vertritt, als mit einer weißen Frau, die nur an ihr eigenes Fortkommen denkt und einen Platz im Aufsichtsrat will. So sehe ich das auch.

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cms-image-000044773.jpg (Foto: privat)
(Foto: privat)

Die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann hat das „Missy Magazine“ mitgegründet und unter anderem den Sammelband „Hot Topic: Popfeminismus heute“ herausgegeben. Sie ist 42 Jahre alt und schreibt als freie Autorin für diverse Zeitschriften, wobei ihr thematischer Schwerpunkt auf Feminismus in der Populärkultur liegt.Seit 2007 lehrt sie dazu auch an verschiedenen Universitäten.