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Wie läuft's?

Ultra-Triathletin Susanne Beisenherz verrät im Interview, wie man einen mehrfachen Marathon durchhält und warum für sie langes Sitzen und Stehen die viel größere Qual ist

Marathon des Sables

fluter.de: Ein Triathlon gilt mit fast vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einem anschließenden Marathon als einer der härtesten Wettkämpfe. Wie kommt man denn darauf, ihn mit der doppelten, dreifachen oder gar zehnfachen Distanz zu absolvieren?

Susanne Beisenherz: Ich habe mich schon als Kind gern und viel bewegt, habe Ballett gemacht, später Basketball gespielt und bin viel geschwommen. Mir reichte es nie, einmal die Woche zu trainieren, sondern ich wollte wirklich jeden Tag Sport machen. Ich habe früh gemerkt, dass mir Ausdauersport liegt. Je länger, desto besser. Ich bin im Training gern fünf bis sechs Kilometer am Stück geschwommen, dabei kann ich meinen Kopf sehr gut ausschalten. Ich habe dann meinen ersten doppelten Triathlon in Österreich gemacht und gleich gewonnen. Da wusste ich: Das ist ganz meins.

Aber ist das nicht eine ungeheure Quälerei?

Quälerei ist das nicht für mich. Das sieht vielleicht so aus, aber es macht mir einfach Spaß. Aber natürlich ist es auch sehr anstrengend. Und natürlich kommt auch mal der Punkt, an dem es schwieriger wird durchzuhalten. Aber ich habe während der Wettkämpfe noch nie richtige Schmerzen gehabt. Es ist zwar extrem anstrengend, und der Kopf bricht oft als Erstes ein. Dann wird es manchmal schwierig. 

„Der Kopf bricht oft als Erstes ein. Dann wird es manchmal schwierig“

Kann das jeder schaffen, wenn er trainiert?

Nein. Es ist nämlich nicht unbedingt eine Sache des körperlichen Trainings, sondern vor allen Dingen Kopfsache. Man kann für den Ultra den Körper nur begrenzt trainieren. Ich mache keine speziellen mentalen Übungen, das kommt beim Training.

Wie oft denkt man ans Aufgeben?

Beim doppelten und dreifachen Triathlon hab ich im Wettkampf bestimmt 15 Mal daran gedacht. Aber es ist ja normal, dass man während des Rennens seine Höhen und Tiefen erlebt. 

Marathon des Sables
Es gibt auch Menschen, die sich freuen, wenn sie in die Wüste geschickt werden. So wie hier bei einem 230 Kilometer langen Etappen-Ultramarathon in der marokkanischen Sahara
 

Und warum geht es bei Ihnen trotzdem immer weiter?

Ich glaube, das liegt an meiner Gelassenheit. Man darf nicht an all die Kilometer denken, dann funktioniert das nicht. Der Kopf kann das nicht erfassen. Alles, was ich weiß, ist, dass das eine lange Distanz ist. Und dann fahre, laufe oder schwimme ich los. Nur so kann ich auch die Zeit ausblenden. Sonst würde ich die 20 Stunden auf dem Rad auch gar nicht schaffen. Erst wenn der Kopf sich gewissermaßen ausschaltet, klappt es. Dann kommen mir die Stunden auch gar nicht wie Stunden vor, ich lebe dann im Moment.

„Für mich wäre jemand sportsüchtig, der nicht pausieren kann. Ich kenne etliche, denen das so geht“

Bleibt bei Ihrem Training noch Zeit für ein normales Leben?

In meiner Hoch-Zeit habe ich nur Teilzeit gearbeitet und ansonsten trainiert, das waren so 25 Stunden in der Woche. Jetzt trainiere ich ungefähr 15 Stunden die Woche. Ich arbeite jetzt Vollzeit und habe einen Lebensgefährten, der – nebenbei bemerkt – total wenig Sport macht. Da muss man ja auch ein bisschen Rücksicht nehmen. Aber das musste ich erst lernen.

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Susanne Beisenherz (Foto: privat)
Susanne Beisenherz ist staatlich anerkannte Gymnastik- und Sportlehrerin. Aber eine, die offensichtlich noch etwas mehr will (Foto: privat)

Wie hat sich Ihr Körper durch den Sport verändert?

Würde ich Ihnen meinen Fuß zeigen, würden Sie sagen, dass man mit dem gar nicht laufen kann. Aber das ist Unsinn! Ich habe zwar schwache Sehnen und Bänder, aber meine Fußmuskulatur ist sehr stark. Ich habe auch spezielle Geländeschuhe, die mir helfen, dass ich nicht so schnell umknicke. Ich muss mich da selber manchmal wundern, ich habe keine Beschwerden, bin nie verletzt. Ich glaube, das kommt durch das Schwimmen. Jeder, der viel läuft, sollte auch regelmäßig schwimmen gehen als Ausgleich. 

Sind Sie sportsüchtig?

O Gott, diese Frage kommt immer. Ich mag sie überhaupt nicht. Aber ich kann das natürlich nachvollziehen. Sucht ist für mich ein negativ behaftetes Wort. Für mich ist der Sport aber nichts Negatives, sondern eine große Bereicherung. Für mich wäre jemand sportsüchtig, der nicht pausieren kann. Ich kenne etliche, denen das so geht. Ich lege sehr viel Wert auf Regeneration. Da mache ich dann auch mal ein paar Tage fast gar keinen Sport. Wenn ich andere in meinem Alter sehe, die schon mit Bandscheibenvorfällen zu kämpfen haben, dann bin ich froh, dass mein Körper ganz anders und gesund ist. Ich arbeite auch in der Reha. Da bekomme ich mit, was Menschen ihrem Körper antun, wenn sie zu viel sitzen oder stehen – das ist für mich extrem, das ist für den Körper Qual. Nicht der Ultra.

 

Fotos: Erik Sampers/Le Figaro Magazine/laif

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