Ein Tag im Januar, dicke Schneeflocken fallen vom Himmel: Die Schweriner Altstadt liegt da wie im Winterschlaf. Im Haus der jüdischen Gemeinde brennt Licht, russische Sprachfetzen dringen durch die Tür, Dielen knarzen. Und William Wolff bittet in sein mit Papier- und Aktenstapeln gefülltes Büro. Seit die Berliner Filmemacherin Britta Wauer einen Dokumentarfilm über ihn gemacht hat, gilt der 90-jährige Wolff, der so gerne lacht, als vielleicht ungewöhnlichster Rabbiner Deutschlands. Vor allem ist da mal wieder ein Jude, der die Menschen inspiriert und über den geredet wird. Ein Gespräch über Identität und Veränderungen 

Lieber Herr Wolff, geboren im Berlin der 20er-Jahre, wurden Sie in England nach der Flucht vor den Nazis zum Politikjournalisten. Mit über 50 Jahren ließen Sie sich dann zum Rabbiner ausbilden und arbeiteten zuletzt in jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock. Wie kommt es, dass Sie sich anscheinend immer wieder neu erfinden?

William Wolff: Ich habe mich niemals neu erfunden. Ich musste dieses Land verlassen, sonst wäre ich in Auschwitz gelandet. Das verstehen Sie, oder? 

Natürlich. Aber es ist ja schon ungewöhnlich, von der Millionenstadt London in die ostdeutsche Provinz zu wechseln – und vom Journalismus zum Rabbinertum. Wollten Sie denn schon immer Rabbi werden?

Ich weiß noch, wie wir in der Schule Berufsberatung hatten. Ich war 16 Jahre alt. Da habe ich gesagt, ich möchte entweder Journalist oder Rabbiner werden.

Rabbi Wolff

Rabbi Wolff (Foto: Uli Holz, Britzka Film)
Mit 90 noch auf der Überholspur unterwegs – also mit 90 Jahren, nicht Stundenkilometern. Rabbi Wolff lebt zwischen drei Orten, fährt damit aber gut (Foto: Uli Holz, Britzka Film)

Und dann haben sie 30 Jahre das eine und über 30 Jahre lang das andere gemacht. „Wenn irgendwas im Leben keinen Spaß mehr macht, dann habe ich immer dafür gesorgt, dass ich gewechselt habe“, erzählen Sie im Film „Rabbi Wolff“. Ist das Ihr Rat an Menschen, die Angst vor Veränderungen haben?

Einen allgemeinen Rat zum Thema Veränderung kann ich nicht geben, denn das hängt immer von den Umständen ab. Ich zum Beispiel konnte mein Leben ändern und damit auch ein finanzielles Risiko eingehen, weil ich keine Familie hatte.

„Im Autoradio kamen die ersten detaillierten Nachrichten über den Durchbruch der Mauer in Berlin. Wie ich das hörte, kamen mir die Tränen“

Sie essen kein Fleisch und machen regelmäßig Yoga – gerade so als wären Sie ein hipper Großstadtbewohner. Den Wandel zum Handy haben Sie aber nicht mitgemacht. Warum?

Ich habe mich mit der Handykultur einfach nicht angefreundet. Zu Hause in England habe ich zur Sicherheit eines im Auto – immer geladen, falls ich mal eine Panne habe und jemanden rufen muss. Aber zu Hause? Da habe ich doch in jedem Zimmer ein Festnetztelefon. Und hier in Schwerin bin ich meistens im Büro, da kann man ja einfach reinkommen, wenn man mit mir sprechen will … 

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Rabbi Wolff (Foto: Katja Hoffmann/laif)
Yoga ja, Handy nein: Alle Veränderungen möchte Rabbi Wolff nun auch nicht mitmachen (Foto: Katja Hoffmann/laif)

Warum sind Sie denn 2002 überhaupt hierhergekommen – war das nicht schwer für Sie, sich wieder Deutschland zuzuwenden?

Am 10. November 1989 wurde mir plötzlich klar, wie viel mir meine deutsche Herkunft bedeutet. Ich war damals in Nordengland unterwegs, um einen Freitagabendgottesdienst zu führen, und im Autoradio kamen die ersten detaillierten Nachrichten über den Durchbruch der Mauer in Berlin. Wie ich das hörte, kamen mir die Tränen! Und ich habe dann in meinem Gottesdienst sofort ein Dankesgebet gesagt, und das war auch ein Gebet für das Deutschland, das in diesem Moment neu geboren wurde.

Wie ist denn in Ihren Augen die Situation für Juden in Deutschland im Moment? Haben Juden und der Rest der Gesellschaft wieder zueinandergefunden?

Unsere jungen Leute gehen auf die Schulen und Hochschulen wie alle anderen und sind völlig integriert. Die Integration geht hauptsächlich über die Arbeit. Wenn sie aber keine Arbeit haben, leben sie eher unter sich. Dazu kommt, dass das Fernsehen, das sie sich abends anschauen, aus Russland kommt – und das macht die Integration schwieriger. Wenn sie Arbeit haben, dann integrieren sie sich aber schnell.

„Ich glaube nicht, dass wir die Gefahr haben, dass sich die Ereignisse der 1940er-Jahre noch einmal wiederholen“

Sie selbst haben mit Mitte siebzig noch mal ihr Russisch aufgefrischt, weil die meisten Gemeindemitglieder in Schwerin und Rostock Russisch sprechen.

Ja, ich bin jeden Donnerstag in eine Russischstunde gegangen. Hier in Schwerin schreibe ich meine Predigten auf Deutsch, sie werden dann übersetzt, und ich lese sie im Gottesdienst auf Russisch vor. In Rostock halte ich die Reden auf Deutsch, weil da auch Deutschsprachige in die Gemeinde kommen. Das wird dann auf Russisch übersetzt.

Rabbi Wolff

Rabbi Wolff (Foto: Uli Holz, Britzka Film)
Veränderungen hat er zu Genüge erlebt. Aber was er vermisst, ist eine eigene Familie mit Kindern, sagt Wolff (Foto: Uli Holz, Britzka Film)

Wie steht es denn um die jüdische Identität hier in Schwerin? War es nicht schwierig für Sie, als liberaler Rabbiner in einer eher orthodoxen Gemeinde zu arbeiten?

Nein, das war kein Problem. In England gelte ich als liberaler Rabbiner, und als ich herkam, wurde ich gefragt: Also, was sind wir denn jetzt: Sind wir liberal oder sind wir konservativ – oder was sind wir? Und ich habe gesagt: Wir brauchen uns kein Etikett aufkleben (haut auf den Tisch) – wir sind die einzige jüdische Gemeinde in Schwerin. Punkt. Ich wollte, als ich kam, dass Männer und Frauen zusammensitzen. Aber die Gemeinde meinte, man hätte sich an die Trennung gewöhnt und ich solle das bitte so lassen. Männer und Frauen sitzen also getrennt, aber es ist kein Vorhang da, und wenn’s mal sehr voll ist, dann sitzen sie in den hinteren Bereichen der Synagoge auch zusammen. Streng orthodox sind wir also nicht, und wir hatten auch einen gemischten Chor.

Bedauern Sie es, dass immer weniger Menschen religiös sind?

Na ja, als religiöser Mensch kann ich das nur bedauern, und ich finde, das macht das Leben der Menschen geistig und kulturell ärmer. Religion war und ist Teil der westlichen Kultur.

Auch der Islam ist Teil Europas. Bereitet Ihnen die Stimmungsmache gegen Muslime und der Aufstieg rechter Parteien in Europa und anderswo Sorge?

Jede Diskriminierung macht mir Sorge. Aber man muss auch sehen: Bei der letzten Wahl in Deutschland hat die AfD 4,7 Prozent der abgegebenen Stimmen bekommen. Das bedeutet auch, dass 95,3 Prozent der Wähler nicht für diese Partei gestimmt haben. Und das ist die überwältigende Mehrheit. Das genügt mir. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass wir die Gefahr haben, dass sich die Ereignisse der 1940er-Jahre noch einmal wiederholen.

„Mit dem Brexit haben sich die Briten leider in beide Füße geschossen“

Sie selber gehen ja ganz offen auf andere Religionen zu – gerade haben Sie in Wismar einen evangelischen Gottesdienst besucht.

Ja, ich habe mit dem protestantischen Kollegen sozusagen zusammen eine Predigt gehalten. Diese Zusammenarbeit, das Brückenbauen ist mir persönlich ungeheuer wichtig. Das Brückenbauen ist eine Verpflichtung.

Nicht gebaut, sondern abgerissen werden mit dem Brexit wohl einige Brücken zwischen Großbritannien und der EU. Was sagen Sie dazu?

Es gibt im Englischen einen schönen Ausdruck, der besagt, dass man sich mit einer Aktion in den eigenen Fuß schießt. Mit dem Brexit haben sich die Briten leider in beide Füße geschossen.

Rabbi Wolff

Rabbi Wolff (Foto: Uli Holz, Britzka Film)
Bei einem 90-Jährigen türmen sich viele Erinnerungen auf. Dennoch ist Rabbi Wolff mit seinen Gedanken ganz im Hier und Jetzt und interessiert sich fürs aktuelle politische Geschehen (Foto: Uli Holz, Britzka Film)

Haben sich Ihr Blick auf die Politik und Ihre politische Einstellung im Laufe des Lebens geändert?

Ich nehme es an, ja. Aber als Rabbiner bin ich mir bewusst, dass ich mich nicht in Politik einmischen darf, und das tue ich auch nicht. Zur israelischen Siedlungspolitik etwa äußere ich mich nicht, und ich bin auch keiner, der in Predigten über Nahost-Politik spricht. Aber Meinungen habe ich sehr starke. Nur die zu äußern, das kommt nicht in Frage. Das ist nicht meine Sache als Rabbiner.

Noch eine große Frage zum Schluss: Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie heute noch einmal jung wären?

Ja, auf alle Fälle! Ich habe ein großes Bedauern, und zwar dass ich nie geheiratet und meine eigene Familie gegründet habe. Ich habe mich aber immer wieder um die Tochter von sehr guten Freunden gekümmert. Mit ihr und ihren Kindern bleibt eine enge Beziehung, und das ist für mich eine große Bereicherung.

Sie feiern im Februar Ihren 90. Geburtstag und sind immer noch ständig auf Achse. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach etwas Ruhe?

Nein, nie! Mir würde höchst langweilig sein. (lacht)

Titelbild: Katja Hoffmann/laif