Man muss sich Boualem Sansal als einen sehr pessimistischen Menschen vorstellen. Jedenfalls wenn man seinen aktuellen Roman zugrunde legt, dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel „2084 – Das Ende der Welt“ im kleinen Merlin Verlag erschien. Sansal entwirft darin die abgrundtief finstere Dystopie einer totalitären Welt, in der das normale menschliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Es herrscht ein allumfassender religiöser Zwangskult, der jedes Detail des Alltags bestimmt, jedes zweifelnde Fragen ausschließt und das Leben von früh bis spät in ritualisierte Abläufe gliedert.

Diese Religion scheint nicht einmal einen Gott zu brauchen. Allein der Name des Religionsstifters, „Abi“, wird von den Gläubigen ehrfurchtsvoll ausgesprochen. Und die Gläubigen, das sind ja alle. Unklar bleibt, wann und ob dieser Abi gelebt hat und wer es ist, der wirklich die Macht besitzt in Abistan, Abis Land, das, so wie es sich aus der Perspektive der Romanfiguren darstellt, als einziges Land übriggeblieben scheint auf der Welt, seit in der letzten großen Schlacht alle Ungläubigen vernichtend geschlagen wurden. Möglicherweise existiert eine Grenze zu irgendetwas anderem. Doch existiert sie nur insoweit, als ihre Existenz grundsätzlich von allen bestritten wird.

Wie es wäre, wenn der islamistische Fundamentalismus die Weltherrschaft übernähme

Sansals Roman ist eine bitterböse – oder vielleicht eher tieftraurige Phantasie darüber, wie es aussehen könnte, wenn der islamistische Fundamentalismus die Weltherrschaft übernähme. Zusammen mit Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, worin ein radikaler Islamist französischer Staatspräsident wird, war „2084 – Das Ende der Welt“ in Frankreich der meistdiskutierte Roman des letzten Jahres. Das sagt noch nichts aus über die tatsächliche Zukunft des Islamismus, aber viel über den Zustand der französischen Gesellschaft. Zumal wenn ein Roman zum preisgekrönten Bestseller wird, der wirklich alles andere als leichte Lektüre ist.

2084

2084
Boualem Sansal: „2084 – Das Ende der Welt“. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky. Merlin Verlag, 288 S., 24 Euro

Es sei sehr schwer gewesen, einen ganzen Roman mit nichts zu füllen, sagte Boualem Sansal vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Für seine Leser auf der anderen Seite ist es schwer, das Nichts auszuhalten. Das liegt zum Teil daran, dass es im gesamten Roman praktisch keine echten Personen gibt. Natürlich spielen Menschen eine Rolle, die auch namentlich eingeführt werden, aber sie werden niemals charakterlich so weit ausgestaltet, dass sie als Personen wirklich voneinander unterscheidbar würden. Das trifft sogar auf den Protagonisten zu, dessen Geschichte der Roman verfolgt, einen Mann namens Ati, der zu Beginn in einem abgelegenen Sanatorium gegen Tuberkulose behandelt wird. In der dortigen Leere infiziert er sich mit dem Virus des Zweifels an der herrschenden Gesellschafts- und Religionsordnung, die er vorher nie hinterfragt hatte.

Sansal glaubt an nichts. An den Menschen schon mal gar nicht

Wie Ati mit einer Karawane zurückkehrt in das besiedelte „Viertel“ Abistans, aus dem er stammt; wie er auf dem Weg eine Begegnung hat mit einem anderen, der möglicherweise auch ein Zweifelnder ist; wie er sogar im Viertel einen Verbündeten findet, der ihm wieder verlorengeht, weil Ati am Schluss in ganz und gar mehrdeutige Gesellschaft gerät – das alles wird mehr oder weniger nebenbei erzählt. Oder untendrunter. Es ist nämlich fast so, als wolle dieser Roman jede eigentliche Handlung unmöglich machen unter einem riesenhaften, statischen atmosphärischen Überbau, der, eben genau so wie in der geschilderten, der endgültigsten aller Welten, noch jedes Aufflackern von individuellem Schicksalsbedürfnis im Keim erstickt. Das zu lesen ist in etwa so, wie in schwarzem Nebel im Kreis zu wandern, ohne zu wissen, was das eigentliche Ziel hätte sein sollen.

Die Hommage an George Orwells „1984“, die Boualem Sansal im Titel seines Romans unterbringt und auch in kleineren Hinweisen im Text versteckt, bedeutet noch lange nicht, dass beide Bücher sich irgendwie ähnlich sind. Sie sind es allein in ihrer Ablehnung jeder totalitären Ideologie, unterscheiden sich in der Durchführung aber ganz grundsätzlich. Der große Unterschied liegt darin, dass Orwell letztlich doch an den Menschen und seine immer wieder aufflackernde Widerstandsfähigkeit glaubte. Sansal dagegen glaubt an nichts. An den Menschen schon mal gar nicht.

Titelbild: V. Muller/Opale/Leemage/laif