Spätestens seit der Präsidentschaftswahl in den USA werden in Deutschland Facebook, Twitter und Co. unter den Stichworten Filterblasen, Echo Chambers und Fake News kritisch diskutiert. In der Türkei dagegen ermöglichen soziale Medien staatlich unzensierten Journalismus: Auf dem Twitter-Nachrrichtenportal 140journos berichten User über vieles, was in klassischen Medien nicht zur Sprache kommt. Auch wenn 140journos-Mitgründer Engin Önder immer wieder betont, dass er kein Journalist ist, worum es ihm geht, ist dann doch irgendwie Journalismus: Er möchte, dass die türkische Öffentlichkeit uneingeschränkten Zugang zu Nachrichten hat. fluter hat im Juni 2016 darüber berichtet. Seitdem hat sich die Türkei sehr verändert: In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 versuchten Teile des Militärs zu putschen. Es folgte die Ausrufung des Ausnahmezustands, Teile der parlamentarischen Opposition und zahlreiche Journalisten wurden verhaftet. Nun haben unsere Autoren Engin Önder erneut gesprochen (vor dem Anschlag auf den Nachtclub „Reina“ in Istanbul). Im Skype-Interview wollten sie von Önder erfahren: Wie hat er diese krisenhafte Zeit erlebt? Und kann er sein Projekt 140journos uneingeschränkt fortsetzen?

fluter: Euer Ansatz ist es, neutral und faktenorientiert zu berichten. Doch die politische Polarisierung in der Türkei ist jetzt noch stärker als im Juni, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Wie geht ihr damit um?

Engin Önder: Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden. Wir versuchen, uns weiterhin auf die Fakten zu konzentrieren. Mittlerweile berufen wir uns immer öfter auf Organisationen, um nicht zu riskieren, dass wir Verschwörungstheorien verbreiten. In der Berichterstattung über die Ermittlungen zum Putsch informieren wir uns in erster Linie über die Veröffentlichungen der Gerichte. Im Zweifelsfall machen wir deutlich, dass die Faktenlage nicht geklärt ist und dass es sehr unterschiedliche Standpunkte gibt.

Seitdem der Ausnahmezustand in der Türkei ausgerufen wurde, werden kritische Stimmen unterdrückt und viele Oppositionelle verhaftet. Wie wart ihr davon betroffen?

Als Organisation sind wir bisher weder von der Zensur noch von polizeilichen Ermittlungen oder Anzeigen betroffen gewesen. Wir machen, was wir immer gemacht haben. Aber was wir deutlich merken, ist eine Abnahme der Diversität unter unseren Contributors. Das ist hier gerade richtig schwierig. Man spürt die Anspannung deutlich. Uns schicken insgesamt deutlich weniger Leute Material. Vor dem Putsch haben uns Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum ihre Nachrichten zugeschickt. Neben der etablierten Meinung gab es da auch viele kritische Stimmen, zum Beispiel von Liberalen oder Linken. Das hat sich verändert: Viele sind eingeschüchtert durch das, was in der Türkei gerade passiert, und haben Angst oder haben resigniert. Deshalb ist es schwieriger geworden, an Informationen zu gelangen, die in den offiziellen Nachrichten nicht vorkommen. Dadurch gibt es einen Mangel an Perspektiven in unserer Berichterstattung. Wir verwenden deshalb jetzt auch Meldungen der Nachrichtenagenturen, die wir überprüfen und in eine neutralere Sprache übersetzen. Momentan berichten wir zu 90 Prozent über die Gerichtsverhandlungen.  

140journos

Engin Önder und eine Redakteurin von 140journos (Foto: Furkan Temir)
140journos versucht via Twitter unabhängigen Journalismus zu organisieren. Aber das wird immer schwieriger, weil viele Menschen in der Türkei sich nicht mehr trauen, offen zu reden (Foto: Furkan Temir)

Wie erklärst du dir, dass 140journos nicht direkt von Repressionen betroffen ist?

Unser Umgang mit Sprache ist entscheidend. Wir versuchen, Wörter zu vermeiden, die nur einer bestimmten politischen Perspektive entsprechen: Wenn es um Fethullah Gülens Bewegung Hizmet geht, schreiben wir nicht von einer Terrororganisation, wie das die Regierung und regierungsnahe Medien machen. Wir wollen aber auch nicht im Jargon der herkömmlichen Oppositionsmedien schreiben, die oft nur das berichten, was zu ihrer Version der Geschichte passt. Deswegen versuchen wir, bei polarisierenden Sachverhalten lediglich die Eigennamen zu verwenden, Strittiges wörtlich zu zitieren und einseitige Adjektive zu vermeiden. Das schützt uns, weil uns niemand einfach Parteilichkeit unterstellen kann. Anders als die meisten Journalisten in der Türkei machen wir bei 140journos keine Politik, sind also auch nicht Teil der Opposition. Dafür zahlen wir natürlich einen Preis: Es ist nicht sexy, wenn man keine reißerischen Überschriften verwenden kann.

Ihr betont immer wieder, wie wichtig Transparenz für 140journos ist. Aber wie gewährleistet ihr dann in der heutigen Situation die Sicherheit eurer Contributors?

Uns ist es generell wichtig, dass unsere Arbeitsweise für alle offen und transparent ist. Unserem Online-Newsroom kann jeder beitreten, der über unsere Website eine Einladung bekommt. Dort besprechen wir die meisten redaktionellen Angelegenheiten. Bisher haben wir bei großen Ereignissen auch immer die Klarnamen unserer Contributors veröffentlicht. Aber in der momentanen politischen Situation sind wir auch bereit, Nachrichten anonym zu veröffentlichen, sollte sonst jemand in Gefahr geraten.

„Viele sind eingeschüchtert durch das, was in der Türkei momentan passiert“

Blicken wir noch mal kurz zurück auf die Nacht vom 15. auf den 16. Juli, als Teile des türkischen Militärs versucht haben, gegen die Erdoğan-Regierung zu putschen. Was geschah in dieser Nacht auf 140journos?

In dieser Nacht haben wir die höchste Anzahl an Twitter-Impressionen erreicht, seit es 140journos gibt – 110 Millionen an einem Tag. Sonst kommen wir in einem ganzen Monat auf 55 Millionen. Wir hatten ja bereits ein großes Contributor-Netzwerk, so konnten wir zur verlässlichsten Nachrichtenquelle im ganzen Land werden. Die anderen Medien haben sich nicht getraut, kritisch zu berichten – sie haben sich selbst zensiert. Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Yıldırım haben dieses Verhalten anschließend gelobt. Es hieß, die Medien hätten gute Arbeit geleistet und keine Panik verbreitet. Daran sieht man sehr gut, was nach der Vorstellung der türkischen Regierung guter Journalismus ist. 140journos dagegen hat wirklich guten Journalismus gemacht. Das kann man sich auf unserer Website anschauen: Tausende Retweets in jedem Beitrag. Wir haben die Leute auf dem Laufenden gehalten.

Ihr verwendet Twitter, Facebook und WhatsApp für die Verbreitung eurer Nachrichten. Hattet ihr in der Putsch-Nacht Probleme mit Internetzensur?

Nein, denn es gab ein Missverständnis zwischen unterschiedlichen Regierungsorganen und den Mobilfunk- und Internetanbietern. Wir haben von einem Turkcell-Manager die Information bekommen, dass in der Putsch-Nacht die Befehle der Regierung, das Internet zu sperren, nicht ausgeführt wurden, weil davon ausgegangen wurde, dass es sich um Befehle der Putschisten handele: Nur deshalb gab es Nachrichten aus den sozialen Medien. Erst später im November wurden die sozialen Medien in großem Umfang blockiert. Aber wir hatten über VPN (Virtual Private Networks) trotzdem Zugang zu Twitter, WhatsApp und Facebook. Einen Tag später hat die Regierung auch die bekanntesten VPN-Zugänge gesperrt und IP-Adressen blockiert. Das gab es so zum ersten Mal.

140journos

Engin Önder (Foto: Furkan Temir)
Weil sie sich nicht mehr drauf verlassen können, dass Menschen ihnen Informationen zusenden, arbeiten die Leute von 140journos an einer neuen Strategie (Foto: Furkan Temir)

Wie wird sich deiner Ansicht nach der Journalismus in der Türkei entwickeln?

Der etablierte Journalismus hat ein großes Problem: Nachrichten aus großen Medienhäusern und die Arbeit in einer Komfortzone – das ist vorbei. Die Journalisten müssen neue Allianzen eingehen, selbstständig arbeiten, anonym arbeiten. Es wird bald noch mehr Internetjournalismus geben, weil das einfach leichter zu organisieren ist. Aber auf jeden Fall wird es noch schwieriger werden, investigativ zu arbeiten, weil man kaum an Informationen kommt, denn viele Menschen haben Angst. Wir müssen also neue Wege finden. Auch 140journos ist gerade dabei, sich neu aufzustellen. Wir müssen unsere Struktur verändern, weil wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass uns Menschen weiterhin Informationen zusenden.

„Ich bitte daher um bessere Berichterstattung. Europa muss besser informiert werden über die Verhältnisse in der Türkei“

Was erwartest du von EU-Politikern, Journalisten aus der EU und der Zivilgesellschaft?

Zwei Dinge: eine Kritik und eine Bitte. Die Türkei ist momentan in keiner guten Verfassung. Das ist so deutlich, und ich glaube, ich muss das hier nicht genauer erklären. Die europäischen Medien berichten manchmal nicht korrekt, das liegt wahrscheinlich auch daran, dass populistische Bewegungen auf dem Vormarsch sind. Womöglich hindert manche Journalisten ihre politische Einstellung daran, selbst über Erdoğan objektiv zu berichten. Ich bitte daher um bessere Berichterstattung. Europa muss besser informiert werden über die Verhältnisse in der Türkei. Wenn man sich auf Gerüchte verlässt, was mitunter passiert, wirkt das nicht glaubwürdig für die Menschen in der Türkei und schürt im Zweifelsfall antieuropäische Stimmungen. Europäische Medien sollten türkischen Journalisten die Möglichkeit geben zu publizieren. Wie das in Deutschland zum Beispiel die „Zeit“ mit Can Dündar [dem in der Türkei verurteilten ehemaligen Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“] gemacht hat.

Titelbild: Furkan Temir